Vertrackt

bookpedia ist ein Programm zur Literaturverwaltung – nicht für die wissenschaftliche Arbeit, sondern um leicht zwanghaften Charakteren wie mir die Möglichkeit zur digitalen Beharkung des eigenen, analogen Buchregals zu bieten. Eine hübsche Oberfläche ermöglicht angenehme Bearbeitung, darunter liegt ein schrottiges Datenbankdesign. Jedes Mal, wenn ich ein Buch gelesen habe, schreib ich ein paar Gedanken dazu auf und schubs es in das Programm. Jetzt habe ich die Daten auf tellico umgezogen, da mein nächster Rechner wieder eine Linux-Kiste sein wird. Meine Minikritiken poste ich jetzt gleichzeitig hier. Auch wenn meine leserische Selbstverwaltung ein eher abseitiges Beispiel für Self-Tracking darstellt, passt es doch gut, dass sich der heutige Eintrag mit einem Gegner desselben befasst.

Smarte neue Welt von Evgeny Morozov

Der Podcast der London School of Economics ist ein häufiger Quell der Inspiration für mich. Auf Evgeny Morozov wurde ich durch einen Vortrag aufmerksam, den er dort hielt und der sich auf sein Buch „The Net Delusion“ bezog, das seitdem meine Wunschliste bevölkert. Nun kreuzte der Nachfolger in der Stadtbibliothek meine Wege. Der doppeldeutige Originaltitel „To Save Everything, Click Here“ verendet im Deutschen als „Smarte Neue Welt„; auch wenn Buchtitel meist den Marketingabteilungen der Verlage anzulasten sind, knirscht es in der Übersetzung doch auch sonst. Das charmante Soviet-Englisch des weißrussischen Autors kommt aber ohnehin nur auf der Tonspur zum Tragen. Morozov arbeitet sich an zwei Themen ab: Internetzentrismus und Solutionismus. Mit der digitalen Revolution sind eine Menge Leute auf der Bildfläche erschienen, die sagen, das Internet ändere nun alles, und die mit technischen Lösungen für soziale Probleme anrücken. Morozov weist darauf hin, dass „das Internet“ keine naturgesetzliche Gestalt hat, sondern so aussieht, wie wir, unsere Regierungen und die Unternehmen es definieren und erschaffen. Sich darauf zu berufen, dass man sich nun „dem Internet“ anzupassen habe, ist eher den feuchten Umsatzträumen von Eric Schmidt zuzuschreiben. Viele medial präsente „Internetexperten“ stricken an dem Mythos des alles epochal umstürzenden Netzes mit. So neu ist aber vieles nicht, was das Internet so mit sich bringt, und wie immer braucht man zermürbende inhaltliche Diskussionen und langwierige Abstimmungen, um das Thema in den Griff zu bekommen und die geeigneten gesellschaftlichen Antworten zu entwickeln. Demokratie halt. Mit der Fleißkärtchen-Kultur der Gamification, wie sie z.B. Jane McGonigal propagiert, kann Morozov wenig anfangen. Den Autor erinnert das eher an die Orden und Belobigungen für Plansollübererfüllung in der Soviet-Zeit und lässt ihn einen umfassenden Korrumpierungseffekt befürchten. Wahre Worte aus Weißrussland.