Tirade aus dem Maschinenraum

Als Dirk Kurbjuweit in einem Spiegel-Artikel das Wort vom Wutbürger prägte, warf er die  Stuttgart21-Demonstranten mit Verachtungstheoretikern wie Thilo Sarrazin in einen Topf. In beiden Fällen sei keine rationale politische Auseinandersetzung am Werk, sondern irrationales Wüten, so seine These. Die Vorannahmen Kurbjuweits über die soziale Struktur und die Motivationen der Protestierenden wurden inzwischen ebenso widerlegt (s. hierzu den Artikel von Stefan Stürmer im report psychologie) wie Sarrazins vulgärgenetische Behauptungen. Den Versuch, zwischen diesen verschiedenen Formen der politischen Äußerung Gemeinsamkeiten zu konstruieren, halte ich für pure antiemanzipatorische Rhetorik. Es macht eben einen Unterschied, ob sich der Protest gegen Bevormundung durch einen Machtapparat richtet oder die Abwertung von Minderheiten zum Ziel hat. Und Wut, besser bezeichnet als Zorn, wie Georg Schramm sagt, macht die Menschen auch nicht automatisch zu tobenden Berserkern. Anger is an energy.Hand to Mouth: Living in Bootstrap America (10/2/14)

Linda Tirado ist zornig, und es ist ein gerechter Zorn, der ihren Vorträgen einen mitreißenden Drive verleiht. In Hand to Mouth schildert sie ihr Leben als Teil der amerikanischen Working Poor. Sie beschreibt, wie sie durch Pech, systemische Unbarmherzigkeit und eigene, ungeschönt dargestellte Fehlentscheidungen in einem Leben landete, in dem kein Handlungsspielraum mehr existiert. Hetze von Job zu Job, ständig der Willkür von Arbeitgebern und Behörden ausgesetzt, miserable Gesundheitsversorgung und stets am Rand des finanziellen Abgrunds: So sieht der Alltag der Armen aus, wenn sich das wirtschaftsliberale Dogma in voller Kraft und Schönheit entfalten darf. Von den besser gestellten Mitgliedern der Gesellschaft erhält man dafür Verachtung oder Ignoranz. Selber schuld halt, anyone can make it. Streng Dich eben mehr an. Tirado schreibt mit Verve, doch ohne Schaum vorm Mund. Sie verlangt verdammt noch mal Respekt. Das ist nicht systemstürzend. Tirado macht wenige politische Aussagen. Doch sie legt die die emotionalen und kognitiven Schutzmechanismen bloß, die sich Mittel- und Oberschicht zugelegt haben, um die gesellschaftliche Ordnung zu rechtfertigen. Sie beschreibt, was das für die unteren Einkommensschichten bedeutet. Sie zeigt auf die Abgebrühtheit, Selbstgerechtigkeit und Bigotterie, die mit der meritokratischen Fiktion verbunden sind. Und sie bleibt unverbrüchlich solidarisch mit ihren KollegInnen, FreundInnen und allen anderen, deren Einkommen man am Zustand ihrer Zähne ablesen kann. Tirado zeigt, dass Zorn und ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit in Statements münden können, die für Respekt, Solidarität und Empathie Partei ergreifen und eben nicht in die verbitterten Verliererideologien von Tea Party oder Pegida einspeisen.

Tirados Berichte aus dem Maschinenraum des amerikanischen Alptraums haben mich an ein Paper (pdf) von Vladas Griskevicius erinnert, in dem er die aus der Biologie stammende Life History Theory auf das Risikoverhalten von Menschen anwendet; für Personen aus sozioökonomisch unsicheren Verhältnissen ist es danach stets ratsamer, den Spatz in der Hand zu nehmen statt der Taube auf dem Dach – denn diese ist im Zweifel unerreichbar. Das heißt, Belohnungsaufschub ist fein, wenn man aus einer stabillen Umwelt kommt. Andernfalls lebt es sich besser „Hand to Mouth“.