Gefaltet und beruhigt

Ein SciFi für die livres, mal wieder. Sehr gespannt war ich auf Jingfang Haos „Peking falten.“ Science Fiction zu schreiben bietet in China eine literarische Möglichkeit, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren.

Urbanes Monster. Hao Jinfang faltet die chinesische Klassengesellschaft, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai/Juni 2017

Mit Gewalt gegen ethnische oder ethnisierte Minderheiten, der sprachlichen Verrohung in der digitalen Öffentlichkeit und einigem mehr befasst sich der Slowene Andrej Skubic in seinem düsteren Roman „Ruhe“.

Slowenien ist überall. Zwei wahre Begebenheiten von Andrej Skubic, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai/Juni 2017

Eat, write, love

Viel wird geschrieben. Kaum tritt man aus der Tür, ist man von bedrohlich aufragenden Bücherstapeln umgeben. Für Menschen, die dem noch Eigenes hinzufügen wollen, existiert die metaliterarische Gattung des Schreibratgebers. Bestsellerautoren wie Stephen King und Nobelpreisträger wie Mario Vargas Llosa stehen den Schreibenden mit Rat und Anekdoten zur Seite. Auch unbekannte Schriftsteller erklären zuStephen King - Das Leben und das Schreibenkünftigen unbekannten Schriftstellern das Handwerk. Creative Writing-Bücher verbieten Adjektive, schmähen den passiven Protagonisten und preisen den Cliffhanger, im akademischen Bereich nennt man das vornehm Poetik-Vorlesungen. Für jeden Anspruch ist etwas dabei.  Ab und an lese ich so ein Ding. Das erste dieser Art war Christopher Voglers „Odyssee des Drehbuchschreibers“, das ich vor fünfzehn Jahren über den Vortrag eines verschmitzten Jungspundes auf der Spieleprogrammierer-Messe USF kennengelernt hatte. Er erklärte, wie sein PC- Spiel „Desperados“ mit den Schemata aus der klassischen Mythologie arbeitete, die in Voglers Buch auf Spielfilmdrehbücher angewendet werden. Es gibt sogar vers507346e058afd1ee400b7f7985c10778chwurbelt anmutende Selbstfindungs-Seminare, die sich auf Voglers Buch berufen. Die meisten der Anleitungen zur Literaturproduktion enthalten irgendetwas Lesenswertes, mal mehr, mal weniger.  Geringe Erwartungen hegte ich bei Elizabeth Gilbert, deren literarisches Werk solche Großtaten wie Eat, Pray, Love umfasst. Puh! Aber die vehemente Empfehlung der mir wichtigsten Person trieb mich in die Stadtbibliothek zum Regal für esoterische Lebenshilfe. Tatsächlich gibt es (sehr kurze und gut zu ertragende) Anteile des Buches, die dieser bibliothekarischen Verortung entsprechen. Ansonsten habe ich selte82057c93528c79b7124f36c634547cb4n so schlüssige Gedanken zum kreativen Arbeiten gelesen wie hier. Hätte ich zu Beginn meiner adoleszenten Musikerkarriere verstanden, dass das Leiden an der Kunst eine Form selbstsabotierender, falsch verstandener Romantik ist, wäre mir einiges erspart geblieben. Leidende Künstler bringen höchstens trotz und fast nie wegen ihrer seelischen Pein etwas zustande. Es geht um Neugier und Inspiration und wer sich mit der Kunst herumquält, sollte sein Leben nicht mit dieser Selbstkasteiung zubringen. Wozu auch? Geld? Eine beklopptere Investitionsidee als die Wahl eines künstlerischen Berufes muss erst noch erfunden werden. Ruhm? Da frage man und frau sich, welches Bedürfnis dahintersteht und ob es nicht vielversprechendere  Methoden gibt, b301c778669d264dd74f169c434bd650sich selbst okay zu finden. Natürlich ist Kunst auch Arbeit, das betont die Autorin ebenso. Ohne Fleiß und Disziplin geht es wieder mal nicht (schade auch). Wer nur auf das inspirierende Hochgefühl  kreativer Epiphanien setzt, wird ziemlich schnell auf dem Trockenen sitzen. Und die Ergebnisse solcher magisch anmutender Momente sind zuweilen nicht besser als das, was bei bloßer Fleißarbeit herauskommt. Trotzdem sind diese Augenblicke natürlich wunderbar und wertvoll, gehören genossen und genutzt. Am täglichen Brot muss man aber normalerweise angestrengter herumkauen.
Zwei Aspekte haben mich an diesem Buch besonders beeindruckt: Seine menschenfreundliche Grundhaltung und sein breiter Geltungsbereich. Gilbert ist Schriftstellerin, doch ihre Gedanken können Künstlern jeglicher Couleur (Bildhauerei, Schauspiel, Trickfilm und Töpfern – was auch immer) hilfreich sein. Sie macht keinen Unterschied zwischen Amateuren und Profis, denn diese Differenzierung ist nutzlos und kunstfern. Die Autorin verhängt eine Kontaktsperre zwischen dem kreativen Prozess und den Eitelkeiten des Kulturbetriebs oder den Mühen des Broterwerbs.  Und sie empfiehlt Selbstliebe und Selbstbewusstsein statt Stolz und Empfindlichkeit.

Wie Foucault schon sagte: „The Ethics of the Concern for the Self as a Practice of Freedom“ (pdf)

Fegida Futur

Ich finde es immer wieder interessant, wenn sich Autoren an neue Genres heranwagen. Karen Duve ist mit „Macht“ ein paar Jahre in die Zukunft gesprungen, was den Roman grundsätzlich im SciFi-Universum verortet. Duve durfte ich einmal beim Literarischen Salonzu Gast bei Guy Helminger und Navid Kermani erleben. Hier fiel mir die Autorin, deren Debüt „Regenroman“ bereits eine stark antimaskuline Schlagseite aufwies, als witzige und engagierte Gesprächspartnerin mit hanebüchenem Männerbild auf. Da hat sich scheint’s wenig geändert.Karen Duve - Macht

Die Heilung des inneren Hooligans. Bei Karen Duve findet ein Mann zu sich selbst, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 28, April/Mai 2016

F 84.0 hilft – dem Autor

Der Roman „Das Rosie-Projekt“ ist von Graeme Simsion im Rahmen eines Drehbuchseminars begonnen worden, und das merkt man ihm auch an. Der Autor verpasst seinem Protagonisten die Symptomatik einer Persönlichkeit aus dem Autismus-Spektrum nebst dem Wunsch, eine Frau zu finden, und Das Rosie-Projektschon läuft die Romantic Comedy wie auf Schienen ihrem unvermeidlichen Happy-End entgegen. Schamlose Ausbeutung einer psychischen Disposition zum Zwecke seichter Unterhaltung, könnte man sagen. Konfektionsware mit allen möglichen Twists, die man so im Creative Writing-Kurs lernen kann. An mir selber konnte ich dabei bestürzenderweise feststellen, dass das streckenweise ganz gut funktioniert. Ich las das Ding locker auf eineinhalb Zugfahrten weg, schmunzelte hier und da, die Zeit verging im ICE-Tempo. Hinterher fühlte ich mich, als hätte mein Kopf fünf Stunden lang in einem Dunkin Donuts-Karton gesteckt. Zur Verteidigung des Buchs sei gesagt, dass es sich alle Mühe gibt, Verständnis für Menschen mit Asperger zu wecken. Das muss ich aber gleich wieder einschränken, weil hier wie so oft mit dem Klischee des genialen Autisten gearbeitet wird. Das ist problematisch, weil die überwiegende Mehrheit der Autisten, ebenso wie wir Neurotypischen, über durchschnittliche Fähigkeiten verfügt. Sie mit einer Genialitätserwartung unter Druck zu setzen, ist keine gute Idee. Auch  in dem zurzeit laufenden französischen Kinofilm „Birnenkuchen mit Lavendel“ wird ein eher banales Drehbuch mithilfe des Autismus-Tricks aufgepeppt.

Eher in den Bereich der guten Ideen kann es gehören, sich der Äußerungen derjenigen anzunehmen, die selber in seelische Ausnahmezustände geraten sind und davon berichten. Die sehr junge Luxemburger Autorin Paule Daro hat dazu einen Roman verfasst, der alles andere als durchgeplottet und drehbuchtauglich ist, sondern eher so wie das Leben. Hätte ein weniger hässliches Cover verdient gehabt.paule-daro-angesichts-des-schwarzen-lochs

Ein Ort ohne Licht – Paule Daros Bericht vom Überleben.
„Angesichts des schwarzen Lochs“, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 27, Januar/Februar 2016

PS: F 84.0 ist die Kennziffer für „Störungen“ des Autismus-Spektrums laut Diagnostics and Statistics Manual of Mental Disorders (DSM-5), dem Leitfaden der American Psychiatric Association (APA).

Festung MS Europa

Das Kreuzfahrtschiff ist die perfekte Metapher für das Leben im Westen. In Küche und Maschinenraum schwitzen die Armen der ersten Welt, während sich die besser gestellten Schichten Hummer in den Rachen stopfen, bis buchstäblich der Arzt kommt. Dabei achten sie mit Argusaugen auf die feinen Statusunterschiede zwischen Innen- und Merle Kröger - HavarieAußenkabine, Suite und Abstellkammer, derweil das Schiff obszöne Mengen an Diesel verbrennt und an den Nusschalen vorbeistampft, auf denen die Verzweifelten um ihr Leben fliehen. Merle Kröger nutzt die Begegnung einer dieser schwimmenden Vergügungsparks mit einem Schlauchboot voller Flüchtlinge, um ein Mosaik aus Biografien auszulegen, in dem sich die globalen Verwerfungen unserer Zeit abbilden. Ein lybischer Chirurg schuftet in der Schiffswäscherei, die Tochter eines indischen Gurkha-Soldaten steht in den Diensten des Sicherheitsunternehmens auf dem Riesendampfer. Algerische Boat People, ein spanischer Seenothelfer, die russisch-ukrainische Besatzung eines Containerschiffs und etliche andere Personen sind hier kunstvoll choreographiert. „Havarie“ bedient sich einer zupackenden, hochgradig ökonomisch eingesetzten Sprache, die dennoch kunstfertig erscheint. Allein die Kriminalgeschichte wirkt auf mich wie ein Fremdkörper, dessen Funktion – Spannung erzeugen, den Leser bei der Stange halten – viel selbstverständlicher von den Romanfiguren erfüllt wird. Man möchte gerne mehr über die Menschen erfahren, deren Charaktere und systemische Verstrickungen so viele spannende Themen umnreißen. Wem es gelingt, derart interessante Figuren zu entwickeln, der kann die Frage „Wer war’s?“ unbesorgt fallen lassen. „Wer seid Ihr?“ genügt mir hier vollauf.

Mitunter habe ich mir beim Lesen vorgestellt, dass es sich genau um jenes Kreuzfahrtschiff handelt, auf dem David Foster Wallace für Harper’s Bazaar mitfuhr, um das launige „Schrecklich David Foster Wallace - schrecklich amüsantamüsant-aber in Zukunft ohne mich“ zu schreiben. Der Titel dieses auf unterhaltsame Weise überflüssigen Werks hat durch den Suizid des Autors im Nachhinein eine sarkastische Doppeldeutigkeit erhalten. Einiges von der Melancholie, die meiner Empfindung nach durch das Buch weht, mag auch von dem Wissen um das Ableben seines Verfassers verursacht sein.

Einen ironischen Umgang mit dem Kreuzfahrt-Topos konnte man auch in der letzten Ausgabe der Zeit feststellen. Dass die Hamburger Zeitung hin und wieder mal vor dem Klimawandel warnt, hindert sie nicht daran, über ihr Spin-Off ZeitReisen Kreuzfahrten zu verticken. Mit von der Partie ist bei einer Tour von Hamburg nach New York auf der „Queen Mary 2“ auch der Herausgeber Josef Joffe, dessen journalistische Unabhängigkeit von Kritikern unter anderem wegen seiner Mitgliedschaft in der elitären Organisation „Atlantik-Brücke“, diplomatisch ausgedrückt, in Frage gestellt wird. „Faszination Transatlantik“ ist die Anzeige betitelt.

Slam the poor

Vor einigen Jahren bollerten regelmäßig rollende Theken namens Bierbike vor unserem Wohnzimmerfenster entlang. Anfangs war ich genervt von Mucke und Gegröle. Nach einer Weile entwickelte ich eine gewisse Sympathie für dieses harmlose Vergnügen – schließlich waren die Gefährte stets schnell wieder verschwunden. Meine erste Ablehnung erschien mir von Mittelklassedünkel geprägt. Klar wurde mir das, als ich auf einer Slampoetry-Veranstaltung Zeuge wurde, wie sich hundert Bürgerkinder über eine Junggesellen-Abschied-Verarsche beömmelten. Diese Verachtung von Personen aus ökonomisch schwächeren Schichten thematisiert der britische Autor Owen Jones in seinem Buch Chavs, zu Deutsch Prolls. In England hat das Phänomen des Unterschichten-Bashings noch mehr Kontur als bei uns, weil es Teil des politisch-kulturellen Programms des Thatcherismus war, gegen den der Sozialabbau der Kohl-Ära ausgesprochen harmlos wirkt. Polizeistaatliche Maßnahmen gegen Gewerkschaften wie in südamerikanischen Militärdiktaturen hat es hier nicht gegeben.  Doch die Aufkündigung des Solidarprinzips seitens der Sozialdemokraten hat unter Schröder dann doch wieder starke Ähnlichkeit mit dem Vorgehen von New Labour unter Blair.  Und allenthalben ist der Klassenkampf nur noch etwas, was von oben betrieben wird, aber nicht beim Namen genannt werden darf, weil sonst die sozialistische Mottenkiste im  aktiven Wortschatz der Konservativen herumrumpelt. Individueller Aufstieg statt Verbesserung der Lebensumstände ist die Empfehlung, die Mittel- und Oberklasse den Ärmeren predigen. Leistung statt Gemeinschaft. Wie unendlich viel schwerer es ist, aus armen Verhältnissen in die Mittelklasse aufzusteigen, als einfach da zu bleiben, wo man herkommt, interessiert dabei fast niemanden. Auch nicht, dass man dabei ein chavsgesellschaftliches Pyramidenspiel zum Ideal erklärt, weil eben jeder es theoretisch angeblich schaffen kann, aber rein logisch nun mal nicht alle. Wo ist denn unten, wenn alle Mitte sind? Wäre es nicht besser, die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern, als ihnen zu sagen: Seid wie wir? Wie gefährlich es ist, wenn ein entrechtetes, verachtetes und verlachtes Proletariat, von seinen ehemaligen politischen Fürsprechern verraten, sich einer Immigrationswelle gegenüber sieht, wird in Chavs überzeugend beschrieben. Ich würde ergänzen wollen, dass die Abstiegsängste der Mittelschicht ebenfalls durch die demagogische Darstellung armer Menschen als fette, kettenrauchende Dauerfernseher befeuert werden. Welche Ärzte, welche Bürokaufleute möchten ihre Kinder mit den gewaltgeilen Monstren in die gleiche Schule schicken, zu denen manche Presseerzeugnisse den Nachwuchs der Armen so gerne stilisieren? Hier werden Mythen verbreitet, die das gesellschaftliche Klima vergiften, die Segregation vorantreiben und rechten Idologien den Boden bereiten. Nach jahrzehntelanger Verlautbarung des Wettbewerbprinzips sehen sich verängstigte Bürger und verarmte Arbeiter in Konkurrenz zu Immigranten. Dabei sind die Neuankömmlinge, seien es Flüchtlinge oder anderweitig Migrierte, unsere natürlichen Verbündeten im Kampf für bezahlbaren Wohnraum, bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Bildungschancen. Das schreibt Owen Jones, und da kann ich nur Beifall klatschen. Die von mir sehr gern gehörte Radiosendung „Zündfunk Generator“ (Bayrischer Rundfunk) hat zum Thema einen schönen Podcast: „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet„.

Das Bierbike wurde inzwischen u.a. auf Betreiben der Kölner Grünen verboten. Bevor man nun zur Mittelklassespießerschelte ansetzt: Ihre Berliner KollegInnen waren aus ökologischen Gründen für das Ding.

Man or Austro-Man

Wieder eine neue livres, und diesmal bespreche ich einen Luxemburger, der in Wien wohnt Jahrhundertsommerund schon ordentlich austrifiziert scheint. Raoul Biltgens „Jahrhundertsommer“ hat mir eine Kritik abgerungen, die mir  schon jetzt merkwürdig vorkommt. Ich weiß noch nicht einmal, ob das für das Buch spricht oder dagegen, und so ging es mir auch beim Lesen.

Die Liebe als offenes Kunstwerk. Raoul Biltgens dialektischer Roman „Jahrhundertsommer“, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 26, November/Dezember 2015

Lob der Biederkeit

In Zeiten diskursiver Verwahrlosung können Bücher zu Orten stiller Zuflucht werden. Während draußen geschrieen, krakeelt und gehasst wird, finde ich es tröstlich, mich einmal wieder den Introspektionen Wilhelm Genazinos zu widmen. Wenn ich einen Favoriten unter den deutschen Schriftstellern habe, ist er es, und Die Kassiererinnen aus dem Jahr 1998 ist bereits das elfte seiner Bücher in meinem Regal. Viele gute Bands nehmen immer wieder dieselbe Platte auf, und viele gute Schauspieler spielen immer nur sich selbst. Genazino schreibt immer wieder dasselbe Buch: Ein Mann mittleren Alters mit unbestimmtem oder unwahrscheinlichem Beruf ( Apokalyptik-Dozent, promovierter Wilhelm Genazino: Die KassiererinnenWäschereibesitzer, Schuhtester ) spaziert durch Frankfurt und beobachtet Menschen, Tiere, Dinge. Handlung sucht man oft vergebens. Diese Romane werden sich nicht gerade im Thriller-Regal der Großbuchhandlungen finden lassen. Worin liegt dann der Reiz dieser Literatur? Der Animismus, wie ihn der Autor in seinen „Die Belebung der toten Winkel“ betitelten Poetik-Vorlesungen selbst benennt? Unscheinbare, von der Welt unbeachtete Gegenstände werden zum Leben erweckt. Eine weggeworfene Jacke kann komplexe innere Prozesse auslösen oder sogar zur Identifikation einladen! Ich habe Genazino daher immer als phantastischen Schriftsteller empfunden, was er selbst wahrscheinlich von sich weisen würde. Ein Schriftstellerfreund von mir zieh Genazino einmal der Biederkeit. Das scheint mir wahr und falsch zugleich. Falsch, weil sich der Autor vorrangig mit Außenseitern beschäftigt, prekären Existenzen, die sich der Welt so weit verweigern wie möglich. Ihre Gedankenwelten sind innere Orte des Widerstands gegen den Terror der Effizienz. Wahr ist der Biederkeitsvowurf, weil in der Sensibilität der Beobachtungen des Autors ein verfeinerter Sinn zum Ausdruck gelangt, den man mit einer altbackenen Bürgerlichkeit verbinden mag. Doch während solche erlernte Feinnervigkeit für gewöhnlich in Opernkennerschaft, Feinschmeckerei oder anderen Disziplinen der Dinstinktion ( jaja, auch Literaturliebhaberei ) zum Zuge kommt, ist sie bei Genazino auf scheinbare Banalitäten gerichtet, auf die Bruchstellen im Allltag der bundesrepublikanischen Großstadt-Tristesse. Sie ist hemmungslos egalitär. Und daher zeigt sich hier für mich das genaue Gegenteil einer rohen Bürgerlichkeit. Die unterstellte Biederkeit ist kein Makel, sondern eine Qualität. Sie ermöglicht erst den leisen Humor, der in Sätzen wie diesen steckt: Die trinkenden Männer im Unterstand der Haltestelle waren verschwunden. Sie hatten drei leere Bierflaschen zurückgelassen, die von Passanten verächtlich angeschaut wurden.

Und wieder: Etwas Punkt Null

Warum tun wir, was wir tun? Was treibt uns an? „Was Sie wirklich motiviert“ ist der Untertitel des populärwissenschaftlichen Drive des Journalisten Daniel Pink, und wie man merkt, ist Subtilität hier kein vorrangiges Ziel. Das auch meiner Erfahrung nach im betrieblichen Alltag noch weit verbreitete System von Zuckerbrot und Peitsche bezeichnet Pink als „Motivation 2.0“, dem ein „Betriebssystem-Update auf Motivation 3.0“ folgen müsse.  Wer sich durch die Sprechblasen-Rhetorik des Autors nicht abschrecken lässt und auch seinen Hang zum Manager-Kitsch („Hör auf die Gurus: Sechs Business-Denker, die es verstanden haben“ ) ausblenden kann, bekommt hier eine kompakte Zusammenfassung motivationspsychologischer Erkenntnisse. Grundtenor ist: Extrinsische Motivation, also Bestrafung und Belohnung, funktioniert oft nicht und kann sogar schaden. Das gilt für das Lernen ebenso wie für die Einhaltung sozialer Standards oder eben, und darum geht es Pink vor allem, für die Arbeit. An den Anfang setzt Pink Experimente, die letztlich zur Entwicklung der Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan geführt haben. Menschen möchten selbstbestimmt und selbstgesteuert durchs Leben gehen, sie möchten ihren Fähigkeiten angemessene Herausforderungen bestehen und ihre Zeit mit etwas Daniel H. Pink: Driveverbringen, was sie als sinnvoll und sinnstiftend ansehen. Pink arbeitet sich dabei von den Bedürfnissen des Einzelnen bis zur Organisationsebene hoch und konstatiert überall: Selbstbestimmung rulez, wir sollten über Inhalt, Tempo und Umfang unserer Arbeit autonom verfügen können, statt extrinsischer Faktoren wie Geld, Macht, Status, sollten Autonomie und Sinnhaftigkeit uns antreiben, weil… tja, weil das für die Wirtschaft gut ist, und an dieser Stelle stößt das Buch an eine Glasdecke. Pink lässt den letzten Schritt aus: Festzustellen, dass Belohnung in Form von Kapital und somit ein inhärent extrinsischer Motivations-Mechanismus unserem Wirtschaftssystem zugrunde liegt. Wäre es nicht angebracht, zu erwähnen, dass Aktienfonds und all die noch abstrakteren Besitzmaschinen einzig und allein der Kapitalvermehrung dienen und dass es diese sind, deren Befehlen der Großteil der Unternehmen gehorchen muss? Da kann man Selbstbestimmungs- und Sinnoasen innerhalb der Firmen schaffen, wie man will – wenn der Rubel nicht in ausreichender Geschwindigkeit rollt, ist schnell Schluss mit den Spirenzchen. Geldvermehrung ist nun mal nicht sinnorientiert. Wer Argumente für eine humanere Arbeitswelt auf wirtschaftliche Logik stützt, steht zudem mit leeren Händen da, wenn sie sich in dieser Denke als falsch erweisen sollten. Was, wenn Sklaverei und Prügel zu noch besseren Arbeitsergebnissen, mehr Umsatz und Gewinn führen sollten? Selbstbestimmtheit ist ein Wert für sich, und ihn den Firmeneignern mit Umsatzargumenten schmackhaft zu machen, ist auch ein logischer Fehler, denn so bleiben die Kapitalisten selber in der Falle extrinsischer Motivation gefangen.

Es wirkt ein wenig so, als wäre das Wirtschaftssystem ein religiöses Tabu. Pink weist dennoch auf die Folgen hin, die es mit sich bringt, und schreckt auch nicht vor Forderungen zurück, die in manchen Führungsetagen McCarthyesken Kommunistenalarm auslösen dürften. Vielleicht ist das schon radikal genug und letztlich listiger, als mit Revolutionsprosa doch nur den Bekehrten zu predigen.

Tirade aus dem Maschinenraum

Als Dirk Kurbjuweit in einem Spiegel-Artikel das Wort vom Wutbürger prägte, warf er die  Stuttgart21-Demonstranten mit Verachtungstheoretikern wie Thilo Sarrazin in einen Topf. In beiden Fällen sei keine rationale politische Auseinandersetzung am Werk, sondern irrationales Wüten, so seine These. Die Vorannahmen Kurbjuweits über die soziale Struktur und die Motivationen der Protestierenden wurden inzwischen ebenso widerlegt (s. hierzu den Artikel von Stefan Stürmer im report psychologie) wie Sarrazins vulgärgenetische Behauptungen. Den Versuch, zwischen diesen verschiedenen Formen der politischen Äußerung Gemeinsamkeiten zu konstruieren, halte ich für pure antiemanzipatorische Rhetorik. Es macht eben einen Unterschied, ob sich der Protest gegen Bevormundung durch einen Machtapparat richtet oder die Abwertung von Minderheiten zum Ziel hat. Und Wut, besser bezeichnet als Zorn, wie Georg Schramm sagt, macht die Menschen auch nicht automatisch zu tobenden Berserkern. Anger is an energy.Hand to Mouth: Living in Bootstrap America (10/2/14)

Linda Tirado ist zornig, und es ist ein gerechter Zorn, der ihren Vorträgen einen mitreißenden Drive verleiht. In Hand to Mouth schildert sie ihr Leben als Teil der amerikanischen Working Poor. Sie beschreibt, wie sie durch Pech, systemische Unbarmherzigkeit und eigene, ungeschönt dargestellte Fehlentscheidungen in einem Leben landete, in dem kein Handlungsspielraum mehr existiert. Hetze von Job zu Job, ständig der Willkür von Arbeitgebern und Behörden ausgesetzt, miserable Gesundheitsversorgung und stets am Rand des finanziellen Abgrunds: So sieht der Alltag der Armen aus, wenn sich das wirtschaftsliberale Dogma in voller Kraft und Schönheit entfalten darf. Von den besser gestellten Mitgliedern der Gesellschaft erhält man dafür Verachtung oder Ignoranz. Selber schuld halt, anyone can make it. Streng Dich eben mehr an. Tirado schreibt mit Verve, doch ohne Schaum vorm Mund. Sie verlangt verdammt noch mal Respekt. Das ist nicht systemstürzend. Tirado macht wenige politische Aussagen. Doch sie legt die die emotionalen und kognitiven Schutzmechanismen bloß, die sich Mittel- und Oberschicht zugelegt haben, um die gesellschaftliche Ordnung zu rechtfertigen. Sie beschreibt, was das für die unteren Einkommensschichten bedeutet. Sie zeigt auf die Abgebrühtheit, Selbstgerechtigkeit und Bigotterie, die mit der meritokratischen Fiktion verbunden sind. Und sie bleibt unverbrüchlich solidarisch mit ihren KollegInnen, FreundInnen und allen anderen, deren Einkommen man am Zustand ihrer Zähne ablesen kann. Tirado zeigt, dass Zorn und ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit in Statements münden können, die für Respekt, Solidarität und Empathie Partei ergreifen und eben nicht in die verbitterten Verliererideologien von Tea Party oder Pegida einspeisen.

Tirados Berichte aus dem Maschinenraum des amerikanischen Alptraums haben mich an ein Paper (pdf) von Vladas Griskevicius erinnert, in dem er die aus der Biologie stammende Life History Theory auf das Risikoverhalten von Menschen anwendet; für Personen aus sozioökonomisch unsicheren Verhältnissen ist es danach stets ratsamer, den Spatz in der Hand zu nehmen statt der Taube auf dem Dach – denn diese ist im Zweifel unerreichbar. Das heißt, Belohnungsaufschub ist fein, wenn man aus einer stabillen Umwelt kommt. Andernfalls lebt es sich besser „Hand to Mouth“.