Wo das Herz schlägt

werkkreis

Vor zweieinhalb Jahren  schob mir der schon in vorhergehenden Postings geschilderte Überdruss einen Text auf den Bildschirm, der aus fiktiven Interviews mit Consultants und Managern bestand. Tage später bekam ich Wind von einer Ausschreibung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt, und mir sNachdenken_ueber_NSXchien das zu passen. Ich schreibe eigentlich keine Gesinnungsliteratur, aber der Beweis für die Anschlussfähigkeit neoliberaler Leistungsideologie an rechtsextreme Menschenbilder sprang mir aus den eigenen Zeilen entgegen wie der Teufel aus der Kiste. Nach dem Einschicken geschah lange Zeit nichts. Vor Kurzem erhielt ich dann einen Anruf, bei dem mir ein freundlicher älterer Herr aus Bayern mitteilte, dass ich den Preis des Werkkreises gewonnen habe. Nun erscheint der Text im Sammelband „Nachdenken über NSX“ beim Kulturmaschinen-Verlag, und letzten Sonntag gabs auf der linken Literaturmesse in Nürnberg Glückwünsche.

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Sie verlassen den informationstechnologischen Sektor.

Liebe Datenverarbeitung, hier trennen sich unsere Wege. Als das Internet sich übers Land legte, lernten wir uns kennen. Doch die schlichte Eleganz der Glenn Greenwald - No Place to HideC-Programme, die mir zum Anfang unserer Beziehung den Atem nahm, dient maßgeblich dazu, die Ströme des virtuellen Geldes schneller, effizienter und effektiver von unten nach oben zu leiten. Die Abstraktionsakrobatik der Objektorientierung, an der ich mit einiger Mühe teilhaben konnte, gebiert vorrangig Baupläne für die Protzpaläste der Hochfinanz. An meinem letzten Wirkungsort, dem Mahlstrom der ETL-Prozesse und Business Intelligence, baut man mit Vorliebe Datenwarenhäuser für die schmierigen Spanner und Schnüffler von Staat und Wirtschaft. „No Place to Hide„, des mutigen Glenn Greenwalds Buch über den noch viel mutigeren Edward Snowden, bräuchte man für diese Erkenntnis gar nicht mehr zu lesen. Dennoch kann dieses Buch nicht genug Leser haben. Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf Yvonne Hofstetter, die einiges Schlaues zur Debatte beizusteuern hat.
Meine hochbezahlten Kollegen, die die ständige Schnellerei, Weiterei, Mehrerei ingeniös ermöglichen, wirtschaften mit zuweilen blinder Begeisterung für Technik und Logik  selbst fortwährend am Rande des Ausbrennens. Dort ist nicht gut bleiben.

Data Warehousing, Foucault und digitale Vorurteile

Im Frühjahr besuchte ich eine Konferenz der Firma Oracle zum Thema „Data Warehousing“ (DWH). Es geht bei DWHs um die Aufbereitung großer Datenmengen zwecks besserer Analyse und Prognose. Teil der ganzen Schose ist der informationstechnologische Megatrend „Big Data“, dessen Wellen vor einiger Zeit sogar bis ins Feuilleton geschwappt sind. Oracle unterstützt seine Technikergemeinde über eine DWH-Community; Angestellte von Partnerfirmen dürfen Gratis-Lehrgänge besuchen und sich auf solchen Konferenzen Hirn und Bauch befüllen lassen. Technologisch spannende Angelegenheiten wie Hadoop und Hive werden erklärt, man erhält einen Einblick in Entwicklungsansätze, Trends, Problemlösestrategien etc. Und man versteht, warum es ratsam ist, sich mit R auseinanderzusetzen – die OpenSource-Statistik-Software ist zumindest für die allseits gesuchten Data Scientists das Tool der Wahl, und auch in der Wissenschaft bestehen durchaus Chancen, dass SPSS gegenüber R bald den Kürzeren zieht.

Wie so oft bei technischen Konferenzen war der fachliche Anspruch so hoch wie das Reflexionsniveau niedrig. Die Geeks schrauben an den Algorithmen, die Suits verscherbeln den Kram, und um die gesellschaftliche Dimension sollen sich andere künmern; wir haben keine Zeit, denn der Fortschritt rast und die Konkurrenz schläft nicht. So konnte ein Vertreter von E-Plus auf einer Podiumsdiskussion die deutschen Datenschutzgesetze unwidersprochen als geschäftsschädigend bezeichnen. Und auch im Jahr 1 nach den Snowden-Enthüllungen gab es niemanden, der sich ausführlicher zum Komplex Datensicherheit geäußert hätte. Allein auf weiter Flur stand Ronald Bachmann mit seinem organisationstheoretischen Blick aufs Thema .

Einer der größten Auftraggeber im IT-Bereich ist (neben dem Militär) die Finanzwirtschaft. Datenanalyse dient hier auch dem Zweck der Kreditwürdigkeitsermittlung. Diese kann, The godfather of steampunk: Foucaultwenn man über den potenziellen Kunden wenig Informationen zur Hand hat, anhand seines Wohnorts eingeschätzt werden. Wohnst Du in Köln-Kalk, so der schlichte Gedanke, bekommst Du keinen Kredit, lebst Du in Lindenthal, rennen wir Dir die Bude ein. Während ich mir tagsüber die technischen Möglichkeiten des Scorings vorführen ließ, schrieb ich abends an einer Hausarbeit, die diesen Vorgang soziologisch und sozialpsychologisch einzuordnen versuchte. Dass sich die digitale Moderne als allumfassendes Panoptikum im Sinne Michel Foucaults gestaltet, ist dabei keine neue Idee. Die Überwachung und Beobachtung ist allgegenwärtig, konformes Verhalten das Ergebnis. Eine traurige Unausweichlichkeit liegt dem zugrunde, bedenkt man die mechanische Zwangsläufigkeit formal rationaler Systeme im Sinne Max Webers – die Effizienzansprüche der Marktwirtschaft lassen wenig anderes zu als die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit Krämergedanken, eine McDonaldisierung der Gesellschaft, wie George Ritzer es nennt. Seine hässliche Fratze zeigt das System dann in so unerbittlichen Mechanismen wie dem Geo-Scoring, das eben dem Chorweilerianer den Wucherzins Ritzer aufhalst und dem Marienburger das Geld hinterherwirft. Fast funktionieren die Algorithmen hier wie die Vorurteilsbildung beim Menschen. Aber eben nur fast, so mein Ergebnis. Vorurteile, folgt man den Überlegungen Gordon Allports, haben immer auch eine emotionale Komponente, und wo soll sich die bei automatisierten Prozessen bloß verstecken? Sie liegt, denke ich, bei den Menschen mit der größten Gestaltungsmacht – den Reichen, wenn man so will. Deren Verachtung und Geringschätzung denjenigen gegenüber, die nicht so sind wie sie, transportiert sich über ein Räderwerk der Rationalisierung durch die Gesellschaft und wird in vielfachen Diskriminierungsformen, mögen sie Geoscoring oder Hartz 4 heißen, am Einzelnen exekutiert. Erhellend dazu die Arbeiten von John Jost, dessen AllportSystem Justification Theory besagt, dass die Eliten ihre privilegierte Position für das Ergebnis ihrer eigenen Leistung halten möchten, was sie zu der Wahnvorstellung verführt, in einem meritokratischen System zu leben. Im Umkehrschluss sehen sie Armut als selbstverschuldet an, was aus ihrer Sicht eine verächtliche, vorurteilshafte Haltung gegenüber den Armen zulässt. Ein Vorurteil, dass sich letztlich in Kategoriensystemen von Data Warehouses der Finanz- und Versicherungswirtschaft informationstechnologisch manifestiert.

Digitale Konstruktion von Differenz (pdf)