Slam the poor

Vor einigen Jahren bollerten regelmäßig rollende Theken namens Bierbike vor unserem Wohnzimmerfenster entlang. Anfangs war ich genervt von Mucke und Gegröle. Nach einer Weile entwickelte ich eine gewisse Sympathie für dieses harmlose Vergnügen – schließlich waren die Gefährte stets schnell wieder verschwunden. Meine erste Ablehnung erschien mir von Mittelklassedünkel geprägt. Klar wurde mir das, als ich auf einer Slampoetry-Veranstaltung Zeuge wurde, wie sich hundert Bürgerkinder über eine Junggesellen-Abschied-Verarsche beömmelten. Diese Verachtung von Personen aus ökonomisch schwächeren Schichten thematisiert der britische Autor Owen Jones in seinem Buch Chavs, zu Deutsch Prolls. In England hat das Phänomen des Unterschichten-Bashings noch mehr Kontur als bei uns, weil es Teil des politisch-kulturellen Programms des Thatcherismus war, gegen den der Sozialabbau der Kohl-Ära ausgesprochen harmlos wirkt. Polizeistaatliche Maßnahmen gegen Gewerkschaften wie in südamerikanischen Militärdiktaturen hat es hier nicht gegeben.  Doch die Aufkündigung des Solidarprinzips seitens der Sozialdemokraten hat unter Schröder dann doch wieder starke Ähnlichkeit mit dem Vorgehen von New Labour unter Blair.  Und allenthalben ist der Klassenkampf nur noch etwas, was von oben betrieben wird, aber nicht beim Namen genannt werden darf, weil sonst die sozialistische Mottenkiste im  aktiven Wortschatz der Konservativen herumrumpelt. Individueller Aufstieg statt Verbesserung der Lebensumstände ist die Empfehlung, die Mittel- und Oberklasse den Ärmeren predigen. Leistung statt Gemeinschaft. Wie unendlich viel schwerer es ist, aus armen Verhältnissen in die Mittelklasse aufzusteigen, als einfach da zu bleiben, wo man herkommt, interessiert dabei fast niemanden. Auch nicht, dass man dabei ein chavsgesellschaftliches Pyramidenspiel zum Ideal erklärt, weil eben jeder es theoretisch angeblich schaffen kann, aber rein logisch nun mal nicht alle. Wo ist denn unten, wenn alle Mitte sind? Wäre es nicht besser, die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern, als ihnen zu sagen: Seid wie wir? Wie gefährlich es ist, wenn ein entrechtetes, verachtetes und verlachtes Proletariat, von seinen ehemaligen politischen Fürsprechern verraten, sich einer Immigrationswelle gegenüber sieht, wird in Chavs überzeugend beschrieben. Ich würde ergänzen wollen, dass die Abstiegsängste der Mittelschicht ebenfalls durch die demagogische Darstellung armer Menschen als fette, kettenrauchende Dauerfernseher befeuert werden. Welche Ärzte, welche Bürokaufleute möchten ihre Kinder mit den gewaltgeilen Monstren in die gleiche Schule schicken, zu denen manche Presseerzeugnisse den Nachwuchs der Armen so gerne stilisieren? Hier werden Mythen verbreitet, die das gesellschaftliche Klima vergiften, die Segregation vorantreiben und rechten Idologien den Boden bereiten. Nach jahrzehntelanger Verlautbarung des Wettbewerbprinzips sehen sich verängstigte Bürger und verarmte Arbeiter in Konkurrenz zu Immigranten. Dabei sind die Neuankömmlinge, seien es Flüchtlinge oder anderweitig Migrierte, unsere natürlichen Verbündeten im Kampf für bezahlbaren Wohnraum, bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Bildungschancen. Das schreibt Owen Jones, und da kann ich nur Beifall klatschen. Die von mir sehr gern gehörte Radiosendung „Zündfunk Generator“ (Bayrischer Rundfunk) hat zum Thema einen schönen Podcast: „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet„.

Das Bierbike wurde inzwischen u.a. auf Betreiben der Kölner Grünen verboten. Bevor man nun zur Mittelklassespießerschelte ansetzt: Ihre Berliner KollegInnen waren aus ökologischen Gründen für das Ding.