Schmock vs. Blog

Bei Martin Mosebachs Mogador stand ich vor einem Dilemma: Einerseits war das Buch ein Geschenk einer mir wichtigen Person, andererseits ist mir der Autor in den letzten Jahren durch einige Äußerungen aufgefallen, die mit meinem Wertesystem völlig unvereinbar sind. Da es zudem mit Navid Kermani zumindest einen schlauen, integren Menschen gibt, der große Stücke auf Mosebach hält, habe ich mir vorgenommen, diesen Roman mindestens über die Länge von 100 Seiten eineMosebach Mogador Chance zu geben. Genau diese 100 Seiten habe ich dann auch durchgehalten.

Der Schreibstil erinnert mich an den gespreizten kleinen Finger älterer Damen in plüschigen Cafés – ein ornamentaler, ausufernder, angeberischer, teilweise unfreiwillig komischer Satzbau, der Umständlichkeit mit Kunstfertigkeit verwechselt. Wenn Mosebach die Frau des Protagonisten beschreibt, klingt das so: „Der Name der Frau klang exquisit in deutschen Ohren, ausgefallen selbst in Zeiten eines Allerweltskosmopolitismus, und war zugleich durch eine Familientradition gerechtfertigt: von der argentinischen Großmutter her: Pilar heißt Säule, ebenjenes Säulchen, das mit einem Gnadenbild der Jungfrau in Verbindung gebracht wird.“ Was ist das – wird hier einfach nur geschwafelt? Ich denke nicht. Mosebach schnitzt in den tantigen Stuck seiner Formulierungen auch weltanschauliche Botschaften. Der Mann ist ein feinnerviger Kosmopolit. Leider geht dies bei ihm mit einem elitären Gestus einher, der mich auf die Palme bringt. Die Schmähung eines „Allerweltskosmopolitismus“ passt dabei gut zum Bildungsdünkel des Autors. Ja, es ist schon schlimm, dass heute Hinz und Kunz die Welt bereisen kann. Flugreisen sollten nur unter Nachweis von Graecum und Latinum erlaubt sein. Was steckt hinter der Formulierung, dass ein Name „gerechtfertigt“ sei? Bedürfen Namen der Rechtfertigung? Und kann das nur durch Tradition geschehen, am Besten durch Familientradition? Das würde auch politischen Kräften in diesem Lande gefallen, mit denen der Autor vermutlich und hoffentlich nichts im Sinn hat. Dass Mosebach bekennender Christ ist, finde ich durchaus sympathisch, weil es doch einiges an Standfestigkeit bedarf, sich damit im eher liberal-agnostischen Literaturzirkus zu behaupten (auch wenn es ihm die Fürsprache der Katholiken im Geschäft sichert). Auffällig ist dabei der Bezug zum Dogma der Jungfräulichkeit Mariä, wenn er von einem Autor kommt, der sich gerne für die rückwärtsgewandten, erzkatholischen Varianten des Glaubens stark macht. Da wundert es auch nicht, dass eine Frau als „Säulchen“ bezeichnet wird. Kaum zu vermuten, dass der Mann als „Bärchen“ tituliert würde, wenn er Urs hieße. Darf man Schrifsteller für die Gedanken ihrer Protagonisten haftbar machen? Wenn sie aussprechen, was der Autor an konservativem Schmonzes auch in Interviews so von sich gibt, dann schon, finde ich. Letztlich war es mir einfach nicht interessant genug, den verschwurbelten Formulierungen weiter zu folgen, weil die Figuren mich nicht reizten und mir von so viel sprachlicher Zuckerbäckerei irgendwann sklerotische Zustände im Hirn entstehen.
Dass ich mich, was selten der Fall ist, über einen Autor so echauffieren kann, spricht in gewisser Weise für ihn. Er ist ein Sonderfall. Besonders bemerkenswert ist an ihm die Einhelligkeit, mit der er im Feuilleton bejubelt wird. Findet denn niemand, dass hier vor allem Blendwerk produziert wird? Fast niemand. Hier ein Interview, das Sigrid Löffler anlässlich der Verleihung des -ausgerechnet- Georg-Büchner-Preises an Mosebach gegeben hat, und eine kritische Reflektion der Reaktionen auf den Preisträger von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen. Letztere nur der Symmetrie wegen.
Den Lanz habe ich da schon lieber gelesen.
Lanz oder die ungewollte Freiheit. Flurin Jeckers Roman in Blogform , In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, März/April 2017