Lob der Biederkeit

In Zeiten diskursiver Verwahrlosung können Bücher zu Orten stiller Zuflucht werden. Während draußen geschrieen, krakeelt und gehasst wird, finde ich es tröstlich, mich einmal wieder den Introspektionen Wilhelm Genazinos zu widmen. Wenn ich einen Favoriten unter den deutschen Schriftstellern habe, ist er es, und Die Kassiererinnen aus dem Jahr 1998 ist bereits das elfte seiner Bücher in meinem Regal. Viele gute Bands nehmen immer wieder dieselbe Platte auf, und viele gute Schauspieler spielen immer nur sich selbst. Genazino schreibt immer wieder dasselbe Buch: Ein Mann mittleren Alters mit unbestimmtem oder unwahrscheinlichem Beruf ( Apokalyptik-Dozent, promovierter Wilhelm Genazino: Die KassiererinnenWäschereibesitzer, Schuhtester ) spaziert durch Frankfurt und beobachtet Menschen, Tiere, Dinge. Handlung sucht man oft vergebens. Diese Romane werden sich nicht gerade im Thriller-Regal der Großbuchhandlungen finden lassen. Worin liegt dann der Reiz dieser Literatur? Der Animismus, wie ihn der Autor in seinen „Die Belebung der toten Winkel“ betitelten Poetik-Vorlesungen selbst benennt? Unscheinbare, von der Welt unbeachtete Gegenstände werden zum Leben erweckt. Eine weggeworfene Jacke kann komplexe innere Prozesse auslösen oder sogar zur Identifikation einladen! Ich habe Genazino daher immer als phantastischen Schriftsteller empfunden, was er selbst wahrscheinlich von sich weisen würde. Ein Schriftstellerfreund von mir zieh Genazino einmal der Biederkeit. Das scheint mir wahr und falsch zugleich. Falsch, weil sich der Autor vorrangig mit Außenseitern beschäftigt, prekären Existenzen, die sich der Welt so weit verweigern wie möglich. Ihre Gedankenwelten sind innere Orte des Widerstands gegen den Terror der Effizienz. Wahr ist der Biederkeitsvowurf, weil in der Sensibilität der Beobachtungen des Autors ein verfeinerter Sinn zum Ausdruck gelangt, den man mit einer altbackenen Bürgerlichkeit verbinden mag. Doch während solche erlernte Feinnervigkeit für gewöhnlich in Opernkennerschaft, Feinschmeckerei oder anderen Disziplinen der Dinstinktion ( jaja, auch Literaturliebhaberei ) zum Zuge kommt, ist sie bei Genazino auf scheinbare Banalitäten gerichtet, auf die Bruchstellen im Allltag der bundesrepublikanischen Großstadt-Tristesse. Sie ist hemmungslos egalitär. Und daher zeigt sich hier für mich das genaue Gegenteil einer rohen Bürgerlichkeit. Die unterstellte Biederkeit ist kein Makel, sondern eine Qualität. Sie ermöglicht erst den leisen Humor, der in Sätzen wie diesen steckt: Die trinkenden Männer im Unterstand der Haltestelle waren verschwunden. Sie hatten drei leere Bierflaschen zurückgelassen, die von Passanten verächtlich angeschaut wurden.