Hohes Haus, flacher Bau

Fernsehpersönlichkeiten gehen mir auf die Nerven. Es ist einfach so, ich kann nichts dagegen machen, das Vorurteil ist tief in meinen Seelenstein eingemeißelt. Der Journalist Roger Willemsen war mir namentlich schon lange bekannt; da er aber eine Fernsehpersönlichkeit war, strafte ich ihn jahrzehntelang mit Nichtbeachtung. Nun habe ich sein letztes Buch gelesen, und muss feststellen: Bestraft habe ich mich da wohl am ehesten selbst. Einfühlsam, sprachmächtig und engagiert beschreibt Willemsen seine Beobachtungen der Diskussionen im deutschen Bundestag, denen er während des gesamten Jahres 2013 persönlich beiwohnte. Man erfährt, wie der Fraktionsgehorsam die eigentlich nur ihrem Gewissen unterworfenen Abgeordneten regelmäßig zu lächerlichen Konformitätshanseln mutieren lässt. Wir werden Zeugen von tätiger Ignoranz und pubertär anmutender Geschwätzigkeit, nämlich immer dann, wenn die politische Gegenseite ihre Reden hält. Willemsen ist verzweifelt – das Parlament, Ort des Austauschs von Argumenten, wo die Stellvertreter des Souveräns die Zukunft unseres Landes verhandeln? Pustekuchen. Angela Merkel, mächtigste Frau im Bundestag, lässt sich fast nie bei der Wahrnehmung ihrer Gegner erwischen; ihre eigenen Reden ergießen sich als lauwarme Buchstabensuppe in die Runde und versickern rückstandslos zwischen den Sitzen der Abgeordneten. Hier wird sediert, nicht regiert. Mit Grausen berichtet Willemsen von einer verwahrlosten Debattenkultur, in der Typen wie Volker Kauder ihre Zwischenrufe mit nichts anderem als purer Böswilligkeit herausbrüllen. Und wo natürlich immer nur der eigenen Seite applaudiert wird. Wo Regierungsparteien selten anderes als nervtötendes Selbstlob dahersalbadern, umso zermürbender, seit die Redezeiten der herrschenden Parteien in der großen Koalition ins Uferlose ausmäandern.

Anrührend fand ich, wie Willemsen die wenigen Momente hervorhebt, in denen parteiübergreifend und mit Herzblut an einer hoheshausSache gearbeitet und für eine Sache gekämpft wurde. Als gieße er ein Pflänzchen in der Ritze einer betonierten Einöde. Es geht eben auch anders, aber anders ist leider  selten. Es kann sein, dass die tatsächlichen Debatten, so es sie denn gibt, in den Ausschüssen geschehen, da bekommen wir aber fast nie was von mit. Da es sich bei Politikern weder um schlechte Menschen noch um Dummköpfe handelt, jedenfalls nicht häufiger als in anderen Berufen, scheint hier eine verheerende systemische Dynamik am Werk. Es wäre schön, wenn jemand wüsste, wie sie zu durchbrechen ist.

Ich erinnerte mich beim Lesen an ein Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten meines Wahlkreises, Martin Dörmann. Ich traf ihn am Tag vor der Wahl vor der Eigelsteintorburg. Mir war im Spiegel-Bundestagsradar aufgefallen, das Herr Dörmann während der letzten Legislaturperiode bei den Abstimmungen ausnahmslos der Fraktionsvorgabe gefolgt war. Auf meine Frage, ob das denn nicht dem Grundsatz der Gewissensentscheidung und Wahlfreiheit widerspreche, sagte der Abgeordnete, es werde erst in der Fraktion miteinander diskutiert, da ginge es auch kontrovers zu, aber im Bundestag stimme man dann geschlossen. So sehr ich das nachvollziehen kann, so sehr bestürzt mich dabei, dass die Debatte damit der Öffentlichkeit entzogen und die parlamentarische Auseinandersetzung zum reinen Theater herabgewürdigt wird. Diese Bestürzung habe ich bei Roger Willemsen wiederentdeckt, und das gefällt mir natürlich. Nun ist er mir unter meiner Fernsehverachtung davongestorben, bevor ich ihn entdecken konnte. Im Epilog würdigt Willemsen seinen Freund Dieter Hildebrandt. Nachruf eines Toten auf einen Verstorbenen.