Festung MS Europa

Das Kreuzfahrtschiff ist die perfekte Metapher für das Leben im Westen. In Küche und Maschinenraum schwitzen die Armen der ersten Welt, während sich die besser gestellten Schichten Hummer in den Rachen stopfen, bis buchstäblich der Arzt kommt. Dabei achten sie mit Argusaugen auf die feinen Statusunterschiede zwischen Innen- und Merle Kröger - HavarieAußenkabine, Suite und Abstellkammer, derweil das Schiff obszöne Mengen an Diesel verbrennt und an den Nusschalen vorbeistampft, auf denen die Verzweifelten um ihr Leben fliehen. Merle Kröger nutzt die Begegnung einer dieser schwimmenden Vergügungsparks mit einem Schlauchboot voller Flüchtlinge, um ein Mosaik aus Biografien auszulegen, in dem sich die globalen Verwerfungen unserer Zeit abbilden. Ein lybischer Chirurg schuftet in der Schiffswäscherei, die Tochter eines indischen Gurkha-Soldaten steht in den Diensten des Sicherheitsunternehmens auf dem Riesendampfer. Algerische Boat People, ein spanischer Seenothelfer, die russisch-ukrainische Besatzung eines Containerschiffs und etliche andere Personen sind hier kunstvoll choreographiert. „Havarie“ bedient sich einer zupackenden, hochgradig ökonomisch eingesetzten Sprache, die dennoch kunstfertig erscheint. Allein die Kriminalgeschichte wirkt auf mich wie ein Fremdkörper, dessen Funktion – Spannung erzeugen, den Leser bei der Stange halten – viel selbstverständlicher von den Romanfiguren erfüllt wird. Man möchte gerne mehr über die Menschen erfahren, deren Charaktere und systemische Verstrickungen so viele spannende Themen umnreißen. Wem es gelingt, derart interessante Figuren zu entwickeln, der kann die Frage „Wer war’s?“ unbesorgt fallen lassen. „Wer seid Ihr?“ genügt mir hier vollauf.

Mitunter habe ich mir beim Lesen vorgestellt, dass es sich genau um jenes Kreuzfahrtschiff handelt, auf dem David Foster Wallace für Harper’s Bazaar mitfuhr, um das launige „Schrecklich David Foster Wallace - schrecklich amüsantamüsant-aber in Zukunft ohne mich“ zu schreiben. Der Titel dieses auf unterhaltsame Weise überflüssigen Werks hat durch den Suizid des Autors im Nachhinein eine sarkastische Doppeldeutigkeit erhalten. Einiges von der Melancholie, die meiner Empfindung nach durch das Buch weht, mag auch von dem Wissen um das Ableben seines Verfassers verursacht sein.

Einen ironischen Umgang mit dem Kreuzfahrt-Topos konnte man auch in der letzten Ausgabe der Zeit feststellen. Dass die Hamburger Zeitung hin und wieder mal vor dem Klimawandel warnt, hindert sie nicht daran, über ihr Spin-Off ZeitReisen Kreuzfahrten zu verticken. Mit von der Partie ist bei einer Tour von Hamburg nach New York auf der „Queen Mary 2“ auch der Herausgeber Josef Joffe, dessen journalistische Unabhängigkeit von Kritikern unter anderem wegen seiner Mitgliedschaft in der elitären Organisation „Atlantik-Brücke“, diplomatisch ausgedrückt, in Frage gestellt wird. „Faszination Transatlantik“ ist die Anzeige betitelt.

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