F 84.0 hilft – dem Autor

Der Roman „Das Rosie-Projekt“ ist von Graeme Simsion im Rahmen eines Drehbuchseminars begonnen worden, und das merkt man ihm auch an. Der Autor verpasst seinem Protagonisten die Symptomatik einer Persönlichkeit aus dem Autismus-Spektrum nebst dem Wunsch, eine Frau zu finden, und Das Rosie-Projektschon läuft die Romantic Comedy wie auf Schienen ihrem unvermeidlichen Happy-End entgegen. Schamlose Ausbeutung einer psychischen Disposition zum Zwecke seichter Unterhaltung, könnte man sagen. Konfektionsware mit allen möglichen Twists, die man so im Creative Writing-Kurs lernen kann. An mir selber konnte ich dabei bestürzenderweise feststellen, dass das streckenweise ganz gut funktioniert. Ich las das Ding locker auf eineinhalb Zugfahrten weg, schmunzelte hier und da, die Zeit verging im ICE-Tempo. Hinterher fühlte ich mich, als hätte mein Kopf fünf Stunden lang in einem Dunkin Donuts-Karton gesteckt. Zur Verteidigung des Buchs sei gesagt, dass es sich alle Mühe gibt, Verständnis für Menschen mit Asperger zu wecken. Das muss ich aber gleich wieder einschränken, weil hier wie so oft mit dem Klischee des genialen Autisten gearbeitet wird. Das ist problematisch, weil die überwiegende Mehrheit der Autisten, ebenso wie wir Neurotypischen, über durchschnittliche Fähigkeiten verfügt. Sie mit einer Genialitätserwartung unter Druck zu setzen, ist keine gute Idee. Auch  in dem zurzeit laufenden französischen Kinofilm „Birnenkuchen mit Lavendel“ wird ein eher banales Drehbuch mithilfe des Autismus-Tricks aufgepeppt.

Eher in den Bereich der guten Ideen kann es gehören, sich der Äußerungen derjenigen anzunehmen, die selber in seelische Ausnahmezustände geraten sind und davon berichten. Die sehr junge Luxemburger Autorin Paule Daro hat dazu einen Roman verfasst, der alles andere als durchgeplottet und drehbuchtauglich ist, sondern eher so wie das Leben. Hätte ein weniger hässliches Cover verdient gehabt.paule-daro-angesichts-des-schwarzen-lochs

Ein Ort ohne Licht – Paule Daros Bericht vom Überleben.
„Angesichts des schwarzen Lochs“, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 27, Januar/Februar 2016

PS: F 84.0 ist die Kennziffer für „Störungen“ des Autismus-Spektrums laut Diagnostics and Statistics Manual of Mental Disorders (DSM-5), dem Leitfaden der American Psychiatric Association (APA).