Eat, write, love

Viel wird geschrieben. Kaum tritt man aus der Tür, ist man von bedrohlich aufragenden Bücherstapeln umgeben. Für Menschen, die dem noch Eigenes hinzufügen wollen, existiert die metaliterarische Gattung des Schreibratgebers. Bestsellerautoren wie Stephen King und Nobelpreisträger wie Mario Vargas Llosa stehen den Schreibenden mit Rat und Anekdoten zur Seite. Auch unbekannte Schriftsteller erklären zuStephen King - Das Leben und das Schreibenkünftigen unbekannten Schriftstellern das Handwerk. Creative Writing-Bücher verbieten Adjektive, schmähen den passiven Protagonisten und preisen den Cliffhanger, im akademischen Bereich nennt man das vornehm Poetik-Vorlesungen. Für jeden Anspruch ist etwas dabei.  Ab und an lese ich so ein Ding. Das erste dieser Art war Christopher Voglers „Odyssee des Drehbuchschreibers“, das ich vor fünfzehn Jahren über den Vortrag eines verschmitzten Jungspundes auf der Spieleprogrammierer-Messe USF kennengelernt hatte. Er erklärte, wie sein PC- Spiel „Desperados“ mit den Schemata aus der klassischen Mythologie arbeitete, die in Voglers Buch auf Spielfilmdrehbücher angewendet werden. Es gibt sogar vers507346e058afd1ee400b7f7985c10778chwurbelt anmutende Selbstfindungs-Seminare, die sich auf Voglers Buch berufen. Die meisten der Anleitungen zur Literaturproduktion enthalten irgendetwas Lesenswertes, mal mehr, mal weniger.  Geringe Erwartungen hegte ich bei Elizabeth Gilbert, deren literarisches Werk solche Großtaten wie Eat, Pray, Love umfasst. Puh! Aber die vehemente Empfehlung der mir wichtigsten Person trieb mich in die Stadtbibliothek zum Regal für esoterische Lebenshilfe. Tatsächlich gibt es (sehr kurze und gut zu ertragende) Anteile des Buches, die dieser bibliothekarischen Verortung entsprechen. Ansonsten habe ich selte82057c93528c79b7124f36c634547cb4n so schlüssige Gedanken zum kreativen Arbeiten gelesen wie hier. Hätte ich zu Beginn meiner adoleszenten Musikerkarriere verstanden, dass das Leiden an der Kunst eine Form selbstsabotierender, falsch verstandener Romantik ist, wäre mir einiges erspart geblieben. Leidende Künstler bringen höchstens trotz und fast nie wegen ihrer seelischen Pein etwas zustande. Es geht um Neugier und Inspiration und wer sich mit der Kunst herumquält, sollte sein Leben nicht mit dieser Selbstkasteiung zubringen. Wozu auch? Geld? Eine beklopptere Investitionsidee als die Wahl eines künstlerischen Berufes muss erst noch erfunden werden. Ruhm? Da frage man und frau sich, welches Bedürfnis dahintersteht und ob es nicht vielversprechendere  Methoden gibt, b301c778669d264dd74f169c434bd650sich selbst okay zu finden. Natürlich ist Kunst auch Arbeit, das betont die Autorin ebenso. Ohne Fleiß und Disziplin geht es wieder mal nicht (schade auch). Wer nur auf das inspirierende Hochgefühl  kreativer Epiphanien setzt, wird ziemlich schnell auf dem Trockenen sitzen. Und die Ergebnisse solcher magisch anmutender Momente sind zuweilen nicht besser als das, was bei bloßer Fleißarbeit herauskommt. Trotzdem sind diese Augenblicke natürlich wunderbar und wertvoll, gehören genossen und genutzt. Am täglichen Brot muss man aber normalerweise angestrengter herumkauen.
Zwei Aspekte haben mich an diesem Buch besonders beeindruckt: Seine menschenfreundliche Grundhaltung und sein breiter Geltungsbereich. Gilbert ist Schriftstellerin, doch ihre Gedanken können Künstlern jeglicher Couleur (Bildhauerei, Schauspiel, Trickfilm und Töpfern – was auch immer) hilfreich sein. Sie macht keinen Unterschied zwischen Amateuren und Profis, denn diese Differenzierung ist nutzlos und kunstfern. Die Autorin verhängt eine Kontaktsperre zwischen dem kreativen Prozess und den Eitelkeiten des Kulturbetriebs oder den Mühen des Broterwerbs.  Und sie empfiehlt Selbstliebe und Selbstbewusstsein statt Stolz und Empfindlichkeit.

Wie Foucault schon sagte: „The Ethics of the Concern for the Self as a Practice of Freedom“ (pdf)