Davongekommene

Als Zyniker kehrt man zurück aus Kriegen und Kindheiten, schrieb Max Goldt in seinem Text „Mein Nachbar und der Zynismus“. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Mit der Unverwüstlichkeit eines Frank McCourt kann man sogar als freundlicher Mensch aus den Trümmern hervorsteigen, zu der ein trinkender Vater die Familie zerschlagen hat. D819en meisten ist das nicht vergönnt. Andreas Altmann scheint das Entsetzen über den heimischen Terror noch in der Rückschau physische Schmerzen zu bereiten. John Burnside ist ebenfalls schwer versehrt. Eine eher banale Begegnung bringt ihn dazu, sich seiner Geschichte zu stellen. Eine Dunkelheit ist in diesem Buch, etwas Lauerndes, eine Bedrohung. Stets erwartet man einen Gewaltausbruch. Stattdessen berichtet Burnside, wie ihm sein Vater ein Leben lang Gift in die Seele träufelte. Auch wenn es Misshandlungen gab – sie waren dem Vater nie so wichtig wie die Zeitlupengewalt burnside_vaterpermanenter Entwertung. In finanziell besseren Zeiten kauft er von dem Geld, dass er nicht versoffen hat, allen Kindern im Viertel Eis – außer seinem Sohn. Dieses Ausmaß an Verachtung, an zur Schau gestellter Kälte und Lieblosigkeit hat Burnside trotz all seiner Versuche der Selbstvernichtung überlebt. Und teuer bezahlt. Altmann und Burnside sind Davongekommene. Man sieht es ihnen an, sie sind schief ins Leben gebaut. Altmann hat sich in eine Art überdrehten, weitherzigen Humanismus gerettet, und Burnside lebt mit der Schwärze, die ihm aus seiner Kindheit hinterherschleicht. Ein Buch wie ein Stein.