Data Warehousing, Foucault und digitale Vorurteile

Im Frühjahr besuchte ich eine Konferenz der Firma Oracle zum Thema „Data Warehousing“ (DWH). Es geht bei DWHs um die Aufbereitung großer Datenmengen zwecks besserer Analyse und Prognose. Teil der ganzen Schose ist der informationstechnologische Megatrend „Big Data“, dessen Wellen vor einiger Zeit sogar bis ins Feuilleton geschwappt sind. Oracle unterstützt seine Technikergemeinde über eine DWH-Community; Angestellte von Partnerfirmen dürfen Gratis-Lehrgänge besuchen und sich auf solchen Konferenzen Hirn und Bauch befüllen lassen. Technologisch spannende Angelegenheiten wie Hadoop und Hive werden erklärt, man erhält einen Einblick in Entwicklungsansätze, Trends, Problemlösestrategien etc. Und man versteht, warum es ratsam ist, sich mit R auseinanderzusetzen – die OpenSource-Statistik-Software ist zumindest für die allseits gesuchten Data Scientists das Tool der Wahl, und auch in der Wissenschaft bestehen durchaus Chancen, dass SPSS gegenüber R bald den Kürzeren zieht.

Wie so oft bei technischen Konferenzen war der fachliche Anspruch so hoch wie das Reflexionsniveau niedrig. Die Geeks schrauben an den Algorithmen, die Suits verscherbeln den Kram, und um die gesellschaftliche Dimension sollen sich andere künmern; wir haben keine Zeit, denn der Fortschritt rast und die Konkurrenz schläft nicht. So konnte ein Vertreter von E-Plus auf einer Podiumsdiskussion die deutschen Datenschutzgesetze unwidersprochen als geschäftsschädigend bezeichnen. Und auch im Jahr 1 nach den Snowden-Enthüllungen gab es niemanden, der sich ausführlicher zum Komplex Datensicherheit geäußert hätte. Allein auf weiter Flur stand Ronald Bachmann mit seinem organisationstheoretischen Blick aufs Thema .

Einer der größten Auftraggeber im IT-Bereich ist (neben dem Militär) die Finanzwirtschaft. Datenanalyse dient hier auch dem Zweck der Kreditwürdigkeitsermittlung. Diese kann, The godfather of steampunk: Foucaultwenn man über den potenziellen Kunden wenig Informationen zur Hand hat, anhand seines Wohnorts eingeschätzt werden. Wohnst Du in Köln-Kalk, so der schlichte Gedanke, bekommst Du keinen Kredit, lebst Du in Lindenthal, rennen wir Dir die Bude ein. Während ich mir tagsüber die technischen Möglichkeiten des Scorings vorführen ließ, schrieb ich abends an einer Hausarbeit, die diesen Vorgang soziologisch und sozialpsychologisch einzuordnen versuchte. Dass sich die digitale Moderne als allumfassendes Panoptikum im Sinne Michel Foucaults gestaltet, ist dabei keine neue Idee. Die Überwachung und Beobachtung ist allgegenwärtig, konformes Verhalten das Ergebnis. Eine traurige Unausweichlichkeit liegt dem zugrunde, bedenkt man die mechanische Zwangsläufigkeit formal rationaler Systeme im Sinne Max Webers – die Effizienzansprüche der Marktwirtschaft lassen wenig anderes zu als die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit Krämergedanken, eine McDonaldisierung der Gesellschaft, wie George Ritzer es nennt. Seine hässliche Fratze zeigt das System dann in so unerbittlichen Mechanismen wie dem Geo-Scoring, das eben dem Chorweilerianer den Wucherzins Ritzer aufhalst und dem Marienburger das Geld hinterherwirft. Fast funktionieren die Algorithmen hier wie die Vorurteilsbildung beim Menschen. Aber eben nur fast, so mein Ergebnis. Vorurteile, folgt man den Überlegungen Gordon Allports, haben immer auch eine emotionale Komponente, und wo soll sich die bei automatisierten Prozessen bloß verstecken? Sie liegt, denke ich, bei den Menschen mit der größten Gestaltungsmacht – den Reichen, wenn man so will. Deren Verachtung und Geringschätzung denjenigen gegenüber, die nicht so sind wie sie, transportiert sich über ein Räderwerk der Rationalisierung durch die Gesellschaft und wird in vielfachen Diskriminierungsformen, mögen sie Geoscoring oder Hartz 4 heißen, am Einzelnen exekutiert. Erhellend dazu die Arbeiten von John Jost, dessen AllportSystem Justification Theory besagt, dass die Eliten ihre privilegierte Position für das Ergebnis ihrer eigenen Leistung halten möchten, was sie zu der Wahnvorstellung verführt, in einem meritokratischen System zu leben. Im Umkehrschluss sehen sie Armut als selbstverschuldet an, was aus ihrer Sicht eine verächtliche, vorurteilshafte Haltung gegenüber den Armen zulässt. Ein Vorurteil, dass sich letztlich in Kategoriensystemen von Data Warehouses der Finanz- und Versicherungswirtschaft informationstechnologisch manifestiert.

Digitale Konstruktion von Differenz (pdf)

Ein Gedanke zu „Data Warehousing, Foucault und digitale Vorurteile

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