Schummrige Zukunft

Planet_Magnon

Selten genug schaffen es SciFi-Romane in die Mainstream-Presse. Meistens dann, wenn sich eher spartenferne Autoren der Gattung widmen. In der letzten Livres-Ausgabe durfte ich mich eines solchen Falles annehmen. Leif Randt hat sich mit Planet Magnon an das Genre gewagt, und das Ergebnis ist interessant.

Schummrige Zukunft –Leif Randts phantastischer Roman »Planet Magnon«, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 24, Juli/August 2015

An dieser Stelle sei auch darauf verwiesen, dass FC Stoffel den 50. Schriftsonar-Podcast gestemmt hat. Der Schriftsonar ist ein SciFi-Podcast, eine Art Hör-Fanzine, mit Herzblut gemacht und immer für eine Literaturempfehlung gut, die man in den Standardmedien vergeblich suchen würde. Unter anderem verdanke ich dem Podcast auch den Roman „Wind-up girl“ von Paolo Bacigalupi, den ich in der obigen Kritik erwähne.
Herzlichen Glückwunsch von hier aus!

Lebenswerk und Lebertest

In der neuen livres sind zwei Beiträge von mir enthalten:Schlechter_Nkdan

Zeitreise im Zettelkasten – Ein Blick durch Lambert Schlechters Kaleidoskop, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 22, März/April 2015

 

Die letzten ihrer Art – Bernd Imgrunds trotziges Plädoyer für Bernd Imgrund - Kein Bier vor Vierdie Eckkneipe,
In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 22, März/April 2015

The Critics – Who Needs’em?

Die Luxemburger Tageszeitung tageblatt leistet sich eine Literaturbeilage, die alle zwei Monate erscheint und von Guy Helminger verantwortet wird. Sie erscheint dreisprachig (Luxemburgisch, Französisch und Deutsch). Seit Ende letzten Jahres schreibe ich Literaturkritiken für die Publikation (auf Deutsch).

Lyrischer Superjhemp – Thomas Schafferers Annäherung an LuxeThomas Schafferer - Differdange liegt am MeerThomas Schafferer - Differdange liegt am Meermburg, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 21, Januar/Februar 2015


Dramatisches Dreieck – Margret Steckels Roman „Drei Worte hin und her“
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 20, Margret Steckel - Drei Worte hin und herNovember/Dezember 2014

Wo das Herz schlägt

werkkreis

Vor zweieinhalb Jahren  schob mir der schon in vorhergehenden Postings geschilderte Überdruss einen Text auf den Bildschirm, der aus fiktiven Interviews mit Consultants und Managern bestand. Tage später bekam ich Wind von einer Ausschreibung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt, und mir sNachdenken_ueber_NSXchien das zu passen. Ich schreibe eigentlich keine Gesinnungsliteratur, aber der Beweis für die Anschlussfähigkeit neoliberaler Leistungsideologie an rechtsextreme Menschenbilder sprang mir aus den eigenen Zeilen entgegen wie der Teufel aus der Kiste. Nach dem Einschicken geschah lange Zeit nichts. Vor Kurzem erhielt ich dann einen Anruf, bei dem mir ein freundlicher älterer Herr aus Bayern mitteilte, dass ich den Preis des Werkkreises gewonnen habe. Nun erscheint der Text im Sammelband „Nachdenken über NSX“ beim Kulturmaschinen-Verlag, und letzten Sonntag gabs auf der linken Literaturmesse in Nürnberg Glückwünsche.

2014_nürnberg18

Sie verlassen den informationstechnologischen Sektor.

Liebe Datenverarbeitung, hier trennen sich unsere Wege. Als das Internet sich übers Land legte, lernten wir uns kennen. Doch die schlichte Eleganz der Glenn Greenwald - No Place to HideC-Programme, die mir zum Anfang unserer Beziehung den Atem nahm, dient maßgeblich dazu, die Ströme des virtuellen Geldes schneller, effizienter und effektiver von unten nach oben zu leiten. Die Abstraktionsakrobatik der Objektorientierung, an der ich mit einiger Mühe teilhaben konnte, gebiert vorrangig Baupläne für die Protzpaläste der Hochfinanz. An meinem letzten Wirkungsort, dem Mahlstrom der ETL-Prozesse und Business Intelligence, baut man mit Vorliebe Datenwarenhäuser für die schmierigen Spanner und Schnüffler von Staat und Wirtschaft. „No Place to Hide„, des mutigen Glenn Greenwalds Buch über den noch viel mutigeren Edward Snowden, bräuchte man für diese Erkenntnis gar nicht mehr zu lesen. Dennoch kann dieses Buch nicht genug Leser haben. Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf Yvonne Hofstetter, die einiges Schlaues zur Debatte beizusteuern hat.
Meine hochbezahlten Kollegen, die die ständige Schnellerei, Weiterei, Mehrerei ingeniös ermöglichen, wirtschaften mit zuweilen blinder Begeisterung für Technik und Logik  selbst fortwährend am Rande des Ausbrennens. Dort ist nicht gut bleiben.

Heimat ist, wo der Hirsch hängt

Neulich wollte ich mit Fischmord und Reusch in die Kulturkirche. Kurz bevor ich aufbrach, klingelte es an der Haustür, und ein Mann im blauen Overall keuchte die Treppen herauf. „Guten Tag!“ sagte er. „Ich bin der Ableser.“

Am 2.9.2014 um 19:30 lesen die einzig wahren Ableser im Heimathirschen, und ich mache mit.

Data Warehousing, Foucault und digitale Vorurteile

Im Frühjahr besuchte ich eine Konferenz der Firma Oracle zum Thema „Data Warehousing“ (DWH). Es geht bei DWHs um die Aufbereitung großer Datenmengen zwecks besserer Analyse und Prognose. Teil der ganzen Schose ist der informationstechnologische Megatrend „Big Data“, dessen Wellen vor einiger Zeit sogar bis ins Feuilleton geschwappt sind. Oracle unterstützt seine Technikergemeinde über eine DWH-Community; Angestellte von Partnerfirmen dürfen Gratis-Lehrgänge besuchen und sich auf solchen Konferenzen Hirn und Bauch befüllen lassen. Technologisch spannende Angelegenheiten wie Hadoop und Hive werden erklärt, man erhält einen Einblick in Entwicklungsansätze, Trends, Problemlösestrategien etc. Und man versteht, warum es ratsam ist, sich mit R auseinanderzusetzen – die OpenSource-Statistik-Software ist zumindest für die allseits gesuchten Data Scientists das Tool der Wahl, und auch in der Wissenschaft bestehen durchaus Chancen, dass SPSS gegenüber R bald den Kürzeren zieht.

Wie so oft bei technischen Konferenzen war der fachliche Anspruch so hoch wie das Reflexionsniveau niedrig. Die Geeks schrauben an den Algorithmen, die Suits verscherbeln den Kram, und um die gesellschaftliche Dimension sollen sich andere künmern; wir haben keine Zeit, denn der Fortschritt rast und die Konkurrenz schläft nicht. So konnte ein Vertreter von E-Plus auf einer Podiumsdiskussion die deutschen Datenschutzgesetze unwidersprochen als geschäftsschädigend bezeichnen. Und auch im Jahr 1 nach den Snowden-Enthüllungen gab es niemanden, der sich ausführlicher zum Komplex Datensicherheit geäußert hätte. Allein auf weiter Flur stand Ronald Bachmann mit seinem organisationstheoretischen Blick aufs Thema .

Einer der größten Auftraggeber im IT-Bereich ist (neben dem Militär) die Finanzwirtschaft. Datenanalyse dient hier auch dem Zweck der Kreditwürdigkeitsermittlung. Diese kann, The godfather of steampunk: Foucaultwenn man über den potenziellen Kunden wenig Informationen zur Hand hat, anhand seines Wohnorts eingeschätzt werden. Wohnst Du in Köln-Kalk, so der schlichte Gedanke, bekommst Du keinen Kredit, lebst Du in Lindenthal, rennen wir Dir die Bude ein. Während ich mir tagsüber die technischen Möglichkeiten des Scorings vorführen ließ, schrieb ich abends an einer Hausarbeit, die diesen Vorgang soziologisch und sozialpsychologisch einzuordnen versuchte. Dass sich die digitale Moderne als allumfassendes Panoptikum im Sinne Michel Foucaults gestaltet, ist dabei keine neue Idee. Die Überwachung und Beobachtung ist allgegenwärtig, konformes Verhalten das Ergebnis. Eine traurige Unausweichlichkeit liegt dem zugrunde, bedenkt man die mechanische Zwangsläufigkeit formal rationaler Systeme im Sinne Max Webers – die Effizienzansprüche der Marktwirtschaft lassen wenig anderes zu als die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit Krämergedanken, eine McDonaldisierung der Gesellschaft, wie George Ritzer es nennt. Seine hässliche Fratze zeigt das System dann in so unerbittlichen Mechanismen wie dem Geo-Scoring, das eben dem Chorweilerianer den Wucherzins Ritzer aufhalst und dem Marienburger das Geld hinterherwirft. Fast funktionieren die Algorithmen hier wie die Vorurteilsbildung beim Menschen. Aber eben nur fast, so mein Ergebnis. Vorurteile, folgt man den Überlegungen Gordon Allports, haben immer auch eine emotionale Komponente, und wo soll sich die bei automatisierten Prozessen bloß verstecken? Sie liegt, denke ich, bei den Menschen mit der größten Gestaltungsmacht – den Reichen, wenn man so will. Deren Verachtung und Geringschätzung denjenigen gegenüber, die nicht so sind wie sie, transportiert sich über ein Räderwerk der Rationalisierung durch die Gesellschaft und wird in vielfachen Diskriminierungsformen, mögen sie Geoscoring oder Hartz 4 heißen, am Einzelnen exekutiert. Erhellend dazu die Arbeiten von John Jost, dessen AllportSystem Justification Theory besagt, dass die Eliten ihre privilegierte Position für das Ergebnis ihrer eigenen Leistung halten möchten, was sie zu der Wahnvorstellung verführt, in einem meritokratischen System zu leben. Im Umkehrschluss sehen sie Armut als selbstverschuldet an, was aus ihrer Sicht eine verächtliche, vorurteilshafte Haltung gegenüber den Armen zulässt. Ein Vorurteil, dass sich letztlich in Kategoriensystemen von Data Warehouses der Finanz- und Versicherungswirtschaft informationstechnologisch manifestiert.

Digitale Konstruktion von Differenz (pdf)