In welcher Welt leben die Idioten?

Bei Ernesto Cavazzoni kann man gut sehen, wie misogyne Gedanken for 25 Jahren noch als heitere Selbstverständlichkeiten durchgingen.

Schrullige Herren, dienende Damen
Ermanno Cavazzonis Idioten und ihre Frauen

In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai 2019

Manche Philosophie dagegen murmelt in abgelegenen Fluren des Elfenbeinturms vor sich hin. Kluge Gedanken, so scheint es zuweilen, sollten nicht durch Verständlichkeit entwertet werden.Schadeschadepopade.

Den Untergang denken

Ein brasilianisches Autorenduo zur Philosophie der Apokalypse
In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai 2019

Let me not be mad

So heißt dieses bekenntnisartige Buch von A.K.Benjamin im Original. Warum der Verlag den englischen Originaltitel für den deutschen Markt mit einem anderen englischen Titel versehen musste, wird sein Geheimnis bleiben.

Wer ist hier der Patient?

Bei A.K. Benjamin lösen sich alle Grenzen auf
In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, März 2019

Ökonomie, Ökologie und Migration

Bei meinen Kritiken halte ich immer mal wieder nach, ob das Frauen/Männer-Verhältnis einigermaßen gewahrt ist. Im Januar gab es Romane zweier Autorinnen.

Rita Indiana Tentakel

Träumen Anemonen von geschlechtslosen Fischen?

Rita Indianas ökologischer Gender-Science-Fiction „Tentakel“
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Januar 2019

E.T. im Schneegestöber
Verena Mermer fährt uns von Wien nach Siebenbürgen,

In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Januar 2019

Is muss

Die Zukunft ist menschlich
Hannah Herbst wirbt für den Feminismus
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, November 2018

Hanna Herbst, Feministin sagt man nicht

In dem feinen Film „Blackkklansman“ muss Adam Driver irgendwann so inbrünstig wie möglich „Say it loud – I’m black and proud“skandieren, was angesichts der erklecklichen Whiteness des Mannes einen ziemlichen Schenkelklopfer abgibt. Ähnlich absurd kommt es mir vor, wenn sich Männer als Feministen bezeichnen. Als könnte man alle Privilegien abstreifen, indem man eine Selbstbezeichnung wählt, die das eigene Geschlecht ausschließt. Am absurdesten finde ich allerdings, wenn jemand, der nicht gerade so fies und mächtig ist wie Trump oder Orbán, etwas gegen den Feminismus hat. Also gegen die grundsätzliche Idee, das Menschen, welchen Geschlechts auch immer, gleichwertig sind. Das ist dumm. Das ist gemein. Und Hannah Herbst sagt genau das.

Der Pilz, der Strom, der Meister

Sporen in der Stratosphäre
Anna Lowenhaupt Tsing über einen Pilz, den Wald und fast alles andere
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, März 2018

Anna Lowenhaupt Tsing hat ein verschlungenes, für mich ungeheuer anregendes Buch über den Matsutake-Pilz geschrieben. Und über einiges mehr. Ihr feministisch geprägter Ansatz, die Welt als Beziehungsgeflecht zu verstehen anstatt als Mosaik isolierter Entitäten, wie es in den Naturwissenschaften meist gehandhabt wird, erweist sich als idealer Zugang zu den Geflechten rund um den Fungus.

Unter Strom
Virginia Reees Roman über einen Mann im falschen Leben
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Juli 2018

Wie ist das, wenn man im falschen Leben feststeckt? Virginia Reeves erzählt von einem Mann, der seine Leidenschaft nicht leben darf und daran fast zugrunde geht.

Ein Komet aus dem Archiv
Roberto Bolaños Frühwerk „Der Geist der Science Fiction“
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, September 2018

Von Roberto Bolaño, dem früh verstorbenen Autoren des verstörenden und beglückenden 2666, existiert ein gigantischer Nachlass. Aus diesem ist nun eine Art Roman herausgepurzelt.

Stubenfliegen in den Basalganglien

Für die letzten beiden Ausgaben der livres habe ich mich in meinem, oder genauer gesagt, im Fachbereich meiner Kolleginnen ausgetobt.
Martin Korte hat eine lesenswerte Einführung in die Welt der Gedächtnisprozesse verfasst. Korte - Wir sind Gedächtnis

Das Unbewusste lauert in den Basalganglien
Martin Kortes fulminante Tour durch das Gehirn
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, November 2017

Mit seinen legendären Fallgeschichten in „Der Mann, der seine Frau mit seinem Hut verwechselte“, hatte Oliver Sacks einen gewissen Einfluss auf meine BerufswahlSacks - Der Strom des Bewusstseins. Dass ich sein letztes Werk besprechen durfte, hat mich sehr gerührt.

Stubenfliegen in Zeitlupe
Das letzte Buch des Neuropsychologen Oliver Sacks
, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Januar 2018

Gefaltet und beruhigt

Ein SciFi für die livres, mal wieder. Sehr gespannt war ich auf Jingfang Haos „Peking falten.“ Science Fiction zu schreiben bietet in China eine literarische Möglichkeit, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren.

Urbanes Monster. Hao Jinfang faltet die chinesische Klassengesellschaft, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai/Juni 2017

Mit Gewalt gegen ethnische oder ethnisierte Minderheiten, der sprachlichen Verrohung in der digitalen Öffentlichkeit und einigem mehr befasst sich der Slowene Andrej Skubic in seinem düsteren Roman „Ruhe“.

Slowenien ist überall. Zwei wahre Begebenheiten von Andrej Skubic, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai/Juni 2017

Schmock vs. Blog

Bei Martin Mosebachs Mogador stand ich vor einem Dilemma: Einerseits war das Buch ein Geschenk einer mir wichtigen Person, andererseits ist mir der Autor in den letzten Jahren durch einige Äußerungen aufgefallen, die mit meinem Wertesystem völlig unvereinbar sind. Da es zudem mit Navid Kermani zumindest einen schlauen, integren Menschen gibt, der große Stücke auf Mosebach hält, habe ich mir vorgenommen, diesen Roman mindestens über die Länge von 100 Seiten eineMosebach Mogador Chance zu geben. Genau diese 100 Seiten habe ich dann auch durchgehalten.

Der Schreibstil erinnert mich an den gespreizten kleinen Finger älterer Damen in plüschigen Cafés – ein ornamentaler, ausufernder, angeberischer, teilweise unfreiwillig komischer Satzbau, der Umständlichkeit mit Kunstfertigkeit verwechselt. Wenn Mosebach die Frau des Protagonisten beschreibt, klingt das so: „Der Name der Frau klang exquisit in deutschen Ohren, ausgefallen selbst in Zeiten eines Allerweltskosmopolitismus, und war zugleich durch eine Familientradition gerechtfertigt: von der argentinischen Großmutter her: Pilar heißt Säule, ebenjenes Säulchen, das mit einem Gnadenbild der Jungfrau in Verbindung gebracht wird.“ Was ist das – wird hier einfach nur geschwafelt? Ich denke nicht. Mosebach schnitzt in den tantigen Stuck seiner Formulierungen auch weltanschauliche Botschaften. Der Mann ist ein feinnerviger Kosmopolit. Leider geht dies bei ihm mit einem elitären Gestus einher, der mich auf die Palme bringt. Die Schmähung eines „Allerweltskosmopolitismus“ passt dabei gut zum Bildungsdünkel des Autors. Ja, es ist schon schlimm, dass heute Hinz und Kunz die Welt bereisen kann. Flugreisen sollten nur unter Nachweis von Graecum und Latinum erlaubt sein. Was steckt hinter der Formulierung, dass ein Name „gerechtfertigt“ sei? Bedürfen Namen der Rechtfertigung? Und kann das nur durch Tradition geschehen, am Besten durch Familientradition? Das würde auch politischen Kräften in diesem Lande gefallen, mit denen der Autor vermutlich und hoffentlich nichts im Sinn hat. Dass Mosebach bekennender Christ ist, finde ich durchaus sympathisch, weil es doch einiges an Standfestigkeit bedarf, sich damit im eher liberal-agnostischen Literaturzirkus zu behaupten (auch wenn es ihm die Fürsprache der Katholiken im Geschäft sichert). Auffällig ist dabei der Bezug zum Dogma der Jungfräulichkeit Mariä, wenn er von einem Autor kommt, der sich gerne für die rückwärtsgewandten, erzkatholischen Varianten des Glaubens stark macht. Da wundert es auch nicht, dass eine Frau als „Säulchen“ bezeichnet wird. Kaum zu vermuten, dass der Mann als „Bärchen“ tituliert würde, wenn er Urs hieße. Darf man Schrifsteller für die Gedanken ihrer Protagonisten haftbar machen? Wenn sie aussprechen, was der Autor an konservativem Schmonzes auch in Interviews so von sich gibt, dann schon, finde ich. Letztlich war es mir einfach nicht interessant genug, den verschwurbelten Formulierungen weiter zu folgen, weil die Figuren mich nicht reizten und mir von so viel sprachlicher Zuckerbäckerei irgendwann sklerotische Zustände im Hirn entstehen.
Dass ich mich, was selten der Fall ist, über einen Autor so echauffieren kann, spricht in gewisser Weise für ihn. Er ist ein Sonderfall. Besonders bemerkenswert ist an ihm die Einhelligkeit, mit der er im Feuilleton bejubelt wird. Findet denn niemand, dass hier vor allem Blendwerk produziert wird? Fast niemand. Hier ein Interview, das Sigrid Löffler anlässlich der Verleihung des -ausgerechnet- Georg-Büchner-Preises an Mosebach gegeben hat, und eine kritische Reflektion der Reaktionen auf den Preisträger von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen. Letztere nur der Symmetrie wegen.
Den Lanz habe ich da schon lieber gelesen.
Lanz oder die ungewollte Freiheit. Flurin Jeckers Roman in Blogform , In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, März/April 2017

Eat, write, love

Viel wird geschrieben. Kaum tritt man aus der Tür, ist man von bedrohlich aufragenden Bücherstapeln umgeben. Für Menschen, die dem noch Eigenes hinzufügen wollen, existiert die metaliterarische Gattung des Schreibratgebers. Bestsellerautoren wie Stephen King und Nobelpreisträger wie Mario Vargas Llosa stehen den Schreibenden mit Rat und Anekdoten zur Seite. Auch unbekannte Schriftsteller erklären zuStephen King - Das Leben und das Schreibenkünftigen unbekannten Schriftstellern das Handwerk. Creative Writing-Bücher verbieten Adjektive, schmähen den passiven Protagonisten und preisen den Cliffhanger, im akademischen Bereich nennt man das vornehm Poetik-Vorlesungen. Für jeden Anspruch ist etwas dabei.  Ab und an lese ich so ein Ding. Das erste dieser Art war Christopher Voglers „Odyssee des Drehbuchschreibers“, das ich vor fünfzehn Jahren über den Vortrag eines verschmitzten Jungspundes auf der Spieleprogrammierer-Messe USF kennengelernt hatte. Er erklärte, wie sein PC- Spiel „Desperados“ mit den Schemata aus der klassischen Mythologie arbeitete, die in Voglers Buch auf Spielfilmdrehbücher angewendet werden. Es gibt sogar vers507346e058afd1ee400b7f7985c10778chwurbelt anmutende Selbstfindungs-Seminare, die sich auf Voglers Buch berufen. Die meisten der Anleitungen zur Literaturproduktion enthalten irgendetwas Lesenswertes, mal mehr, mal weniger.  Geringe Erwartungen hegte ich bei Elizabeth Gilbert, deren literarisches Werk solche Großtaten wie Eat, Pray, Love umfasst. Puh! Aber die vehemente Empfehlung der mir wichtigsten Person trieb mich in die Stadtbibliothek zum Regal für esoterische Lebenshilfe. Tatsächlich gibt es (sehr kurze und gut zu ertragende) Anteile des Buches, die dieser bibliothekarischen Verortung entsprechen. Ansonsten habe ich selte82057c93528c79b7124f36c634547cb4n so schlüssige Gedanken zum kreativen Arbeiten gelesen wie hier. Hätte ich zu Beginn meiner adoleszenten Musikerkarriere verstanden, dass das Leiden an der Kunst eine Form selbstsabotierender, falsch verstandener Romantik ist, wäre mir einiges erspart geblieben. Leidende Künstler bringen höchstens trotz und fast nie wegen ihrer seelischen Pein etwas zustande. Es geht um Neugier und Inspiration und wer sich mit der Kunst herumquält, sollte sein Leben nicht mit dieser Selbstkasteiung zubringen. Wozu auch? Geld? Eine beklopptere Investitionsidee als die Wahl eines künstlerischen Berufes muss erst noch erfunden werden. Ruhm? Da frage man und frau sich, welches Bedürfnis dahintersteht und ob es nicht vielversprechendere  Methoden gibt, b301c778669d264dd74f169c434bd650sich selbst okay zu finden. Natürlich ist Kunst auch Arbeit, das betont die Autorin ebenso. Ohne Fleiß und Disziplin geht es wieder mal nicht (schade auch). Wer nur auf das inspirierende Hochgefühl  kreativer Epiphanien setzt, wird ziemlich schnell auf dem Trockenen sitzen. Und die Ergebnisse solcher magisch anmutender Momente sind zuweilen nicht besser als das, was bei bloßer Fleißarbeit herauskommt. Trotzdem sind diese Augenblicke natürlich wunderbar und wertvoll, gehören genossen und genutzt. Am täglichen Brot muss man aber normalerweise angestrengter herumkauen.
Zwei Aspekte haben mich an diesem Buch besonders beeindruckt: Seine menschenfreundliche Grundhaltung und sein breiter Geltungsbereich. Gilbert ist Schriftstellerin, doch ihre Gedanken können Künstlern jeglicher Couleur (Bildhauerei, Schauspiel, Trickfilm und Töpfern – was auch immer) hilfreich sein. Sie macht keinen Unterschied zwischen Amateuren und Profis, denn diese Differenzierung ist nutzlos und kunstfern. Die Autorin verhängt eine Kontaktsperre zwischen dem kreativen Prozess und den Eitelkeiten des Kulturbetriebs oder den Mühen des Broterwerbs.  Und sie empfiehlt Selbstliebe und Selbstbewusstsein statt Stolz und Empfindlichkeit.

Wie Foucault schon sagte: „The Ethics of the Concern for the Self as a Practice of Freedom“ (pdf)

Hohes Haus, flacher Bau

Fernsehpersönlichkeiten gehen mir auf die Nerven. Es ist einfach so, ich kann nichts dagegen machen, das Vorurteil ist tief in meinen Seelenstein eingemeißelt. Der Journalist Roger Willemsen war mir namentlich schon lange bekannt; da er aber eine Fernsehpersönlichkeit war, strafte ich ihn jahrzehntelang mit Nichtbeachtung. Nun habe ich sein letztes Buch gelesen, und muss feststellen: Bestraft habe ich mich da wohl am ehesten selbst. Einfühlsam, sprachmächtig und engagiert beschreibt Willemsen seine Beobachtungen der Diskussionen im deutschen Bundestag, denen er während des gesamten Jahres 2013 persönlich beiwohnte. Man erfährt, wie der Fraktionsgehorsam die eigentlich nur ihrem Gewissen unterworfenen Abgeordneten regelmäßig zu lächerlichen Konformitätshanseln mutieren lässt. Wir werden Zeugen von tätiger Ignoranz und pubertär anmutender Geschwätzigkeit, nämlich immer dann, wenn die politische Gegenseite ihre Reden hält. Willemsen ist verzweifelt – das Parlament, Ort des Austauschs von Argumenten, wo die Stellvertreter des Souveräns die Zukunft unseres Landes verhandeln? Pustekuchen. Angela Merkel, mächtigste Frau im Bundestag, lässt sich fast nie bei der Wahrnehmung ihrer Gegner erwischen; ihre eigenen Reden ergießen sich als lauwarme Buchstabensuppe in die Runde und versickern rückstandslos zwischen den Sitzen der Abgeordneten. Hier wird sediert, nicht regiert. Mit Grausen berichtet Willemsen von einer verwahrlosten Debattenkultur, in der Typen wie Volker Kauder ihre Zwischenrufe mit nichts anderem als purer Böswilligkeit herausbrüllen. Und wo natürlich immer nur der eigenen Seite applaudiert wird. Wo Regierungsparteien selten anderes als nervtötendes Selbstlob dahersalbadern, umso zermürbender, seit die Redezeiten der herrschenden Parteien in der großen Koalition ins Uferlose ausmäandern.

Anrührend fand ich, wie Willemsen die wenigen Momente hervorhebt, in denen parteiübergreifend und mit Herzblut an einer hoheshausSache gearbeitet und für eine Sache gekämpft wurde. Als gieße er ein Pflänzchen in der Ritze einer betonierten Einöde. Es geht eben auch anders, aber anders ist leider  selten. Es kann sein, dass die tatsächlichen Debatten, so es sie denn gibt, in den Ausschüssen geschehen, da bekommen wir aber fast nie was von mit. Da es sich bei Politikern weder um schlechte Menschen noch um Dummköpfe handelt, jedenfalls nicht häufiger als in anderen Berufen, scheint hier eine verheerende systemische Dynamik am Werk. Es wäre schön, wenn jemand wüsste, wie sie zu durchbrechen ist.

Ich erinnerte mich beim Lesen an ein Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten meines Wahlkreises, Martin Dörmann. Ich traf ihn am Tag vor der Wahl vor der Eigelsteintorburg. Mir war im Spiegel-Bundestagsradar aufgefallen, das Herr Dörmann während der letzten Legislaturperiode bei den Abstimmungen ausnahmslos der Fraktionsvorgabe gefolgt war. Auf meine Frage, ob das denn nicht dem Grundsatz der Gewissensentscheidung und Wahlfreiheit widerspreche, sagte der Abgeordnete, es werde erst in der Fraktion miteinander diskutiert, da ginge es auch kontrovers zu, aber im Bundestag stimme man dann geschlossen. So sehr ich das nachvollziehen kann, so sehr bestürzt mich dabei, dass die Debatte damit der Öffentlichkeit entzogen und die parlamentarische Auseinandersetzung zum reinen Theater herabgewürdigt wird. Diese Bestürzung habe ich bei Roger Willemsen wiederentdeckt, und das gefällt mir natürlich. Nun ist er mir unter meiner Fernsehverachtung davongestorben, bevor ich ihn entdecken konnte. Im Epilog würdigt Willemsen seinen Freund Dieter Hildebrandt. Nachruf eines Toten auf einen Verstorbenen.