Gefaltet und beruhigt

Ein SciFi für die livres, mal wieder. Sehr gespannt war ich auf Jingfang Haos „Peking falten.“ Science Fiction zu schreiben bietet in China eine literarische Möglichkeit, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren.

Urbanes Monster. Hao Jinfang faltet die chinesische Klassengesellschaft, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai/Juni 2017

Mit Gewalt gegen ethnische oder ethnisierte Minderheiten, der sprachlichen Verrohung in der digitalen Öffentlichkeit und einigem mehr befasst sich der Slowene Andrej Skubic in seinem düsteren Roman „Ruhe“.

Slowenien ist überall. Zwei wahre Begebenheiten von Andrej Skubic, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Mai/Juni 2017

Schmock vs. Blog

Bei Martin Mosebachs Mogador stand ich vor einem Dilemma: Einerseits war das Buch ein Geschenk einer mir wichtigen Person, andererseits ist mir der Autor in den letzten Jahren durch einige Äußerungen aufgefallen, die mit meinem Wertesystem völlig unvereinbar sind. Da es zudem mit Navid Kermani zumindest einen schlauen, integren Menschen gibt, der große Stücke auf Mosebach hält, habe ich mir vorgenommen, diesen Roman mindestens über die Länge von 100 Seiten eineMosebach Mogador Chance zu geben. Genau diese 100 Seiten habe ich dann auch durchgehalten.

Der Schreibstil erinnert mich an den gespreizten kleinen Finger älterer Damen in plüschigen Cafés – ein ornamentaler, ausufernder, angeberischer, teilweise unfreiwillig komischer Satzbau, der Umständlichkeit mit Kunstfertigkeit verwechselt. Wenn Mosebach die Frau des Protagonisten beschreibt, klingt das so: „Der Name der Frau klang exquisit in deutschen Ohren, ausgefallen selbst in Zeiten eines Allerweltskosmopolitismus, und war zugleich durch eine Familientradition gerechtfertigt: von der argentinischen Großmutter her: Pilar heißt Säule, ebenjenes Säulchen, das mit einem Gnadenbild der Jungfrau in Verbindung gebracht wird.“ Was ist das – wird hier einfach nur geschwafelt? Ich denke nicht. Mosebach schnitzt in den tantigen Stuck seiner Formulierungen auch weltanschauliche Botschaften. Der Mann ist ein feinnerviger Kosmopolit. Leider geht dies bei ihm mit einem elitären Gestus einher, der mich auf die Palme bringt. Die Schmähung eines „Allerweltskosmopolitismus“ passt dabei gut zum Bildungsdünkel des Autors. Ja, es ist schon schlimm, dass heute Hinz und Kunz die Welt bereisen kann. Flugreisen sollten nur unter Nachweis von Graecum und Latinum erlaubt sein. Was steckt hinter der Formulierung, dass ein Name „gerechtfertigt“ sei? Bedürfen Namen der Rechtfertigung? Und kann das nur durch Tradition geschehen, am Besten durch Familientradition? Das würde auch politischen Kräften in diesem Lande gefallen, mit denen der Autor vermutlich und hoffentlich nichts im Sinn hat. Dass Mosebach bekennender Christ ist, finde ich durchaus sympathisch, weil es doch einiges an Standfestigkeit bedarf, sich damit im eher liberal-agnostischen Literaturzirkus zu behaupten (auch wenn es ihm die Fürsprache der Katholiken im Geschäft sichert). Auffällig ist dabei der Bezug zum Dogma der Jungfräulichkeit Mariä, wenn er von einem Autor kommt, der sich gerne für die rückwärtsgewandten, erzkatholischen Varianten des Glaubens stark macht. Da wundert es auch nicht, dass eine Frau als „Säulchen“ bezeichnet wird. Kaum zu vermuten, dass der Mann als „Bärchen“ tituliert würde, wenn er Urs hieße. Darf man Schrifsteller für die Gedanken ihrer Protagonisten haftbar machen? Wenn sie aussprechen, was der Autor an konservativem Schmonzes auch in Interviews so von sich gibt, dann schon, finde ich. Letztlich war es mir einfach nicht interessant genug, den verschwurbelten Formulierungen weiter zu folgen, weil die Figuren mich nicht reizten und mir von so viel sprachlicher Zuckerbäckerei irgendwann sklerotische Zustände im Hirn entstehen.
Dass ich mich, was selten der Fall ist, über einen Autor so echauffieren kann, spricht in gewisser Weise für ihn. Er ist ein Sonderfall. Besonders bemerkenswert ist an ihm die Einhelligkeit, mit der er im Feuilleton bejubelt wird. Findet denn niemand, dass hier vor allem Blendwerk produziert wird? Fast niemand. Hier ein Interview, das Sigrid Löffler anlässlich der Verleihung des -ausgerechnet- Georg-Büchner-Preises an Mosebach gegeben hat, und eine kritische Reflektion der Reaktionen auf den Preisträger von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen. Letztere nur der Symmetrie wegen.
Den Lanz habe ich da schon lieber gelesen.
Lanz oder die ungewollte Freiheit. Flurin Jeckers Roman in Blogform , In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, März/April 2017

Eat, write, love

Viel wird geschrieben. Kaum tritt man aus der Tür, ist man von bedrohlich aufragenden Bücherstapeln umgeben. Für Menschen, die dem noch Eigenes hinzufügen wollen, existiert die metaliterarische Gattung des Schreibratgebers. Bestsellerautoren wie Stephen King und Nobelpreisträger wie Mario Vargas Llosa stehen den Schreibenden mit Rat und Anekdoten zur Seite. Auch unbekannte Schriftsteller erklären zuStephen King - Das Leben und das Schreibenkünftigen unbekannten Schriftstellern das Handwerk. Creative Writing-Bücher verbieten Adjektive, schmähen den passiven Protagonisten und preisen den Cliffhanger, im akademischen Bereich nennt man das vornehm Poetik-Vorlesungen. Für jeden Anspruch ist etwas dabei.  Ab und an lese ich so ein Ding. Das erste dieser Art war Christopher Voglers „Odyssee des Drehbuchschreibers“, das ich vor fünfzehn Jahren über den Vortrag eines verschmitzten Jungspundes auf der Spieleprogrammierer-Messe USF kennengelernt hatte. Er erklärte, wie sein PC- Spiel „Desperados“ mit den Schemata aus der klassischen Mythologie arbeitete, die in Voglers Buch auf Spielfilmdrehbücher angewendet werden. Es gibt sogar vers507346e058afd1ee400b7f7985c10778chwurbelt anmutende Selbstfindungs-Seminare, die sich auf Voglers Buch berufen. Die meisten der Anleitungen zur Literaturproduktion enthalten irgendetwas Lesenswertes, mal mehr, mal weniger.  Geringe Erwartungen hegte ich bei Elizabeth Gilbert, deren literarisches Werk solche Großtaten wie Eat, Pray, Love umfasst. Puh! Aber die vehemente Empfehlung der mir wichtigsten Person trieb mich in die Stadtbibliothek zum Regal für esoterische Lebenshilfe. Tatsächlich gibt es (sehr kurze und gut zu ertragende) Anteile des Buches, die dieser bibliothekarischen Verortung entsprechen. Ansonsten habe ich selte82057c93528c79b7124f36c634547cb4n so schlüssige Gedanken zum kreativen Arbeiten gelesen wie hier. Hätte ich zu Beginn meiner adoleszenten Musikerkarriere verstanden, dass das Leiden an der Kunst eine Form selbstsabotierender, falsch verstandener Romantik ist, wäre mir einiges erspart geblieben. Leidende Künstler bringen höchstens trotz und fast nie wegen ihrer seelischen Pein etwas zustande. Es geht um Neugier und Inspiration und wer sich mit der Kunst herumquält, sollte sein Leben nicht mit dieser Selbstkasteiung zubringen. Wozu auch? Geld? Eine beklopptere Investitionsidee als die Wahl eines künstlerischen Berufes muss erst noch erfunden werden. Ruhm? Da frage man und frau sich, welches Bedürfnis dahintersteht und ob es nicht vielversprechendere  Methoden gibt, b301c778669d264dd74f169c434bd650sich selbst okay zu finden. Natürlich ist Kunst auch Arbeit, das betont die Autorin ebenso. Ohne Fleiß und Disziplin geht es wieder mal nicht (schade auch). Wer nur auf das inspirierende Hochgefühl  kreativer Epiphanien setzt, wird ziemlich schnell auf dem Trockenen sitzen. Und die Ergebnisse solcher magisch anmutender Momente sind zuweilen nicht besser als das, was bei bloßer Fleißarbeit herauskommt. Trotzdem sind diese Augenblicke natürlich wunderbar und wertvoll, gehören genossen und genutzt. Am täglichen Brot muss man aber normalerweise angestrengter herumkauen.
Zwei Aspekte haben mich an diesem Buch besonders beeindruckt: Seine menschenfreundliche Grundhaltung und sein breiter Geltungsbereich. Gilbert ist Schriftstellerin, doch ihre Gedanken können Künstlern jeglicher Couleur (Bildhauerei, Schauspiel, Trickfilm und Töpfern – was auch immer) hilfreich sein. Sie macht keinen Unterschied zwischen Amateuren und Profis, denn diese Differenzierung ist nutzlos und kunstfern. Die Autorin verhängt eine Kontaktsperre zwischen dem kreativen Prozess und den Eitelkeiten des Kulturbetriebs oder den Mühen des Broterwerbs.  Und sie empfiehlt Selbstliebe und Selbstbewusstsein statt Stolz und Empfindlichkeit.

Wie Foucault schon sagte: „The Ethics of the Concern for the Self as a Practice of Freedom“ (pdf)

Hohes Haus, flacher Bau

Fernsehpersönlichkeiten gehen mir auf die Nerven. Es ist einfach so, ich kann nichts dagegen machen, das Vorurteil ist tief in meinen Seelenstein eingemeißelt. Der Journalist Roger Willemsen war mir namentlich schon lange bekannt; da er aber eine Fernsehpersönlichkeit war, strafte ich ihn jahrzehntelang mit Nichtbeachtung. Nun habe ich sein letztes Buch gelesen, und muss feststellen: Bestraft habe ich mich da wohl am ehesten selbst. Einfühlsam, sprachmächtig und engagiert beschreibt Willemsen seine Beobachtungen der Diskussionen im deutschen Bundestag, denen er während des gesamten Jahres 2013 persönlich beiwohnte. Man erfährt, wie der Fraktionsgehorsam die eigentlich nur ihrem Gewissen unterworfenen Abgeordneten regelmäßig zu lächerlichen Konformitätshanseln mutieren lässt. Wir werden Zeugen von tätiger Ignoranz und pubertär anmutender Geschwätzigkeit, nämlich immer dann, wenn die politische Gegenseite ihre Reden hält. Willemsen ist verzweifelt – das Parlament, Ort des Austauschs von Argumenten, wo die Stellvertreter des Souveräns die Zukunft unseres Landes verhandeln? Pustekuchen. Angela Merkel, mächtigste Frau im Bundestag, lässt sich fast nie bei der Wahrnehmung ihrer Gegner erwischen; ihre eigenen Reden ergießen sich als lauwarme Buchstabensuppe in die Runde und versickern rückstandslos zwischen den Sitzen der Abgeordneten. Hier wird sediert, nicht regiert. Mit Grausen berichtet Willemsen von einer verwahrlosten Debattenkultur, in der Typen wie Volker Kauder ihre Zwischenrufe mit nichts anderem als purer Böswilligkeit herausbrüllen. Und wo natürlich immer nur der eigenen Seite applaudiert wird. Wo Regierungsparteien selten anderes als nervtötendes Selbstlob dahersalbadern, umso zermürbender, seit die Redezeiten der herrschenden Parteien in der großen Koalition ins Uferlose ausmäandern.

Anrührend fand ich, wie Willemsen die wenigen Momente hervorhebt, in denen parteiübergreifend und mit Herzblut an einer hoheshausSache gearbeitet und für eine Sache gekämpft wurde. Als gieße er ein Pflänzchen in der Ritze einer betonierten Einöde. Es geht eben auch anders, aber anders ist leider  selten. Es kann sein, dass die tatsächlichen Debatten, so es sie denn gibt, in den Ausschüssen geschehen, da bekommen wir aber fast nie was von mit. Da es sich bei Politikern weder um schlechte Menschen noch um Dummköpfe handelt, jedenfalls nicht häufiger als in anderen Berufen, scheint hier eine verheerende systemische Dynamik am Werk. Es wäre schön, wenn jemand wüsste, wie sie zu durchbrechen ist.

Ich erinnerte mich beim Lesen an ein Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten meines Wahlkreises, Martin Dörmann. Ich traf ihn am Tag vor der Wahl vor der Eigelsteintorburg. Mir war im Spiegel-Bundestagsradar aufgefallen, das Herr Dörmann während der letzten Legislaturperiode bei den Abstimmungen ausnahmslos der Fraktionsvorgabe gefolgt war. Auf meine Frage, ob das denn nicht dem Grundsatz der Gewissensentscheidung und Wahlfreiheit widerspreche, sagte der Abgeordnete, es werde erst in der Fraktion miteinander diskutiert, da ginge es auch kontrovers zu, aber im Bundestag stimme man dann geschlossen. So sehr ich das nachvollziehen kann, so sehr bestürzt mich dabei, dass die Debatte damit der Öffentlichkeit entzogen und die parlamentarische Auseinandersetzung zum reinen Theater herabgewürdigt wird. Diese Bestürzung habe ich bei Roger Willemsen wiederentdeckt, und das gefällt mir natürlich. Nun ist er mir unter meiner Fernsehverachtung davongestorben, bevor ich ihn entdecken konnte. Im Epilog würdigt Willemsen seinen Freund Dieter Hildebrandt. Nachruf eines Toten auf einen Verstorbenen.

Bildungschancen und Selbstbild von Studierenden

…so lautet die naturgemäß stark verknappte Überschrift zu der Umfrage, die mir die Datengrundlage für meine Masterarbeit liefern soll. Teilnehmen können dementsprechend ausschließlich Student*innen.

Update: Die Befragung ist inzwischen abgeschlossen. Vielen Dank fürs Mitmachen!

Update 2: Die Arbeit ist fertig! Eine Zusammenfassung gibt es hier.

So sieht der Aufruf aus:

******** BILDUNGSCHANCEN UND SELBSTBILD ********
******** Befragung & Verlosung von Geldpreisen ********
—————————————————————————–
Hallo zusammen,

in meiner Masterarbeit untersuche ich Zusammenhänge zwischen Bildungschancen und Selbstbild von Studierenden aller Fachrichtungen.
Die Länge der Befragung variiert individiuell stark und beträgt zwischen 25 und 45 Minuten.Selbstbild

Unter den Teilnehmern werden Geldpreise von 1×100, 3×50 und 5×20 Euro verlost!
Ich würde mich SEHR über Eure Teilnahme freuen.

Hier geht’s zur Studie:
https://unikoelnpsych.eu.qualtrics.com/SE/?SID=SV_6PDLjZbRbz1fTWl

ACHTUNG: Für einen Teil der Befragung benötigt Ihr eine „echte“ Tastatur.
Die Studie kann daher nicht auf Smartphones oder Tablets durchgeführt werden.Einstein2Bohlen

Herzlichen Dank!!!
Viele Grüße

Digo Chakraverty
Masterstudiengang Psychologie
Uni Köln

Du bleibst was Du bist

Marco Maurer, Arbeiterkind und ehemaliger Molkereilehrling, ist heute ein arrivierter Journalist, der für die Süddeutsche Zeitung und die Zeit schreibt. Aus einer sehr persönlichen Sicht startet er eine Tour durch das Thema Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Dabei weist er auf die vielen Faktoren hin, die darauf hinwirken, dass die Klassenstruktur in unserem Lande so bleibt, wie sie ist. Er benennt die Beharrungskräfte und spricht mit arrivierten Bildungsaufsteigern. Er interviewt auch Menschen, die die ungerechten Zustände nicht akzeptieren wollen, wie Thomas Sattelberger. Der war mir in seiner Funktion als Personalchef der Telekom schon aufgefallen, als ich dort noch Projekte durchführte, und zwar als jemand, dessen egalitäre Aussagen einen bass erstaunen lassen. Wie ist der nur an diesen Posten gekommen, fragte ich mich damals (und das frage ich mich heute noch). Maurer ist jemand, der Ambivalenzen gut aushalten kann. Das Glanzstück scheint mir sein Interview mit Frank-Walter Steinmeier, der selbst aus wenig begüterten Verhältnissen stammt. Da berichtet Mauerer von der emotionalen Achterbahnfahrt, die das Gespräch bei ihm bewirkt und vielleicht auch beim oft so betongesichtigen „Schrankschalter“ ((c) Stefan Reusch) Steinmeier. Ein paar weniger gute Momente gibt’s in dem Buch allerdings ebenfalls. Die dumpfe „Gaucho“-Nummer der Fußball-Nationalmannschaft nach dem WM-Sieg nur der eben etwas raueren Proletarierkultur zuzuschreiben, verkennt meiner du-bleibst-was-du-bistMeinung nach, dass es sich um ein zwangsläufiges Resultat der „Wir gegen die“-Mechanik der Länderwettkämpfe handelt. Überhaupt finde ich es merkwürdig, Gerechtigkeit zu fordern, aber das auf Konkurrenz basierende und zwangsläufig Verlierer produzierende System dabei nicht zu hinterfragen. Das erinnert mich an manche Spielarten des Karrierefeminismus, bei denen die Töchter der Mittelklasse die ihnen zustehenden Privilegien einfordern, weil sie eben auch an die Fleischtöpfe wollen – das unseriöse Pyramidenspiel namens Kapitalismus wollen sie aber beibehalten. Ungerechtigkeit ist ok, aber nicht wenn ich betroffen bin, könnte man sagen. Naja, viele wollen offenbar auf reformistischem Weg in eine egalitärere Gesellschaft. Auch gut. Wie auch sonst, mag man sich fragen.
Gegen Schluss hin kommt dann noch ein bisschen Mainstreamjournalistenkäse (Deutschland ist gut durch die Krise gekommen, auch dank Agenda 2010), bei dem ich mich schnell noch daran erinnern musste, wie viele schlaue und sympathische Momente Maurers Buch enthält – damit es mir so gut in Erinnerung beibt, wie’s es verdient hat. Gerade zu Zeiten, in denen die Ideologie der Ungleichheit im Stechschritt auf dem Vormarsch ist, braucht es solche Publikationen.

hartmannZudem ist noch anzumerken, dass Arbeiterkinder, wenn sie es denn bis in die Eliten hinaufgeschafft haben, Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit wesentlich aufgeschlossener gegenüberstehen als Manager, Ministerinnen oder Funktionäre aus Mittel-und Oberschicht. So zumindest die Forschungsergebnisse des Soziologen Michael Hartmann Das spricht in jedem Fall dafür, möglichst vielen Personen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien diesen „Aufstieg“ zu ermöglichen. Das mag für die Führungsetagen-Frauenquote in ähnlicher Weise gelten.

Fegida Futur

Ich finde es immer wieder interessant, wenn sich Autoren an neue Genres heranwagen. Karen Duve ist mit „Macht“ ein paar Jahre in die Zukunft gesprungen, was den Roman grundsätzlich im SciFi-Universum verortet. Duve durfte ich einmal beim Literarischen Salonzu Gast bei Guy Helminger und Navid Kermani erleben. Hier fiel mir die Autorin, deren Debüt „Regenroman“ bereits eine stark antimaskuline Schlagseite aufwies, als witzige und engagierte Gesprächspartnerin mit hanebüchenem Männerbild auf. Da hat sich scheint’s wenig geändert.Karen Duve - Macht

Die Heilung des inneren Hooligans. Bei Karen Duve findet ein Mann zu sich selbst, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 28, April/Mai 2016

F 84.0 hilft – dem Autor

Der Roman „Das Rosie-Projekt“ ist von Graeme Simsion im Rahmen eines Drehbuchseminars begonnen worden, und das merkt man ihm auch an. Der Autor verpasst seinem Protagonisten die Symptomatik einer Persönlichkeit aus dem Autismus-Spektrum nebst dem Wunsch, eine Frau zu finden, und Das Rosie-Projektschon läuft die Romantic Comedy wie auf Schienen ihrem unvermeidlichen Happy-End entgegen. Schamlose Ausbeutung einer psychischen Disposition zum Zwecke seichter Unterhaltung, könnte man sagen. Konfektionsware mit allen möglichen Twists, die man so im Creative Writing-Kurs lernen kann. An mir selber konnte ich dabei bestürzenderweise feststellen, dass das streckenweise ganz gut funktioniert. Ich las das Ding locker auf eineinhalb Zugfahrten weg, schmunzelte hier und da, die Zeit verging im ICE-Tempo. Hinterher fühlte ich mich, als hätte mein Kopf fünf Stunden lang in einem Dunkin Donuts-Karton gesteckt. Zur Verteidigung des Buchs sei gesagt, dass es sich alle Mühe gibt, Verständnis für Menschen mit Asperger zu wecken. Das muss ich aber gleich wieder einschränken, weil hier wie so oft mit dem Klischee des genialen Autisten gearbeitet wird. Das ist problematisch, weil die überwiegende Mehrheit der Autisten, ebenso wie wir Neurotypischen, über durchschnittliche Fähigkeiten verfügt. Sie mit einer Genialitätserwartung unter Druck zu setzen, ist keine gute Idee. Auch  in dem zurzeit laufenden französischen Kinofilm „Birnenkuchen mit Lavendel“ wird ein eher banales Drehbuch mithilfe des Autismus-Tricks aufgepeppt.

Eher in den Bereich der guten Ideen kann es gehören, sich der Äußerungen derjenigen anzunehmen, die selber in seelische Ausnahmezustände geraten sind und davon berichten. Die sehr junge Luxemburger Autorin Paule Daro hat dazu einen Roman verfasst, der alles andere als durchgeplottet und drehbuchtauglich ist, sondern eher so wie das Leben. Hätte ein weniger hässliches Cover verdient gehabt.paule-daro-angesichts-des-schwarzen-lochs

Ein Ort ohne Licht – Paule Daros Bericht vom Überleben.
„Angesichts des schwarzen Lochs“, In: Livres – Bücher, Literaturbeilage des Tageblatt, Luxemburg, Ausgabe 27, Januar/Februar 2016

PS: F 84.0 ist die Kennziffer für „Störungen“ des Autismus-Spektrums laut Diagnostics and Statistics Manual of Mental Disorders (DSM-5), dem Leitfaden der American Psychiatric Association (APA).

Festung MS Europa

Das Kreuzfahrtschiff ist die perfekte Metapher für das Leben im Westen. In Küche und Maschinenraum schwitzen die Armen der ersten Welt, während sich die besser gestellten Schichten Hummer in den Rachen stopfen, bis buchstäblich der Arzt kommt. Dabei achten sie mit Argusaugen auf die feinen Statusunterschiede zwischen Innen- und Merle Kröger - HavarieAußenkabine, Suite und Abstellkammer, derweil das Schiff obszöne Mengen an Diesel verbrennt und an den Nusschalen vorbeistampft, auf denen die Verzweifelten um ihr Leben fliehen. Merle Kröger nutzt die Begegnung einer dieser schwimmenden Vergügungsparks mit einem Schlauchboot voller Flüchtlinge, um ein Mosaik aus Biografien auszulegen, in dem sich die globalen Verwerfungen unserer Zeit abbilden. Ein lybischer Chirurg schuftet in der Schiffswäscherei, die Tochter eines indischen Gurkha-Soldaten steht in den Diensten des Sicherheitsunternehmens auf dem Riesendampfer. Algerische Boat People, ein spanischer Seenothelfer, die russisch-ukrainische Besatzung eines Containerschiffs und etliche andere Personen sind hier kunstvoll choreographiert. „Havarie“ bedient sich einer zupackenden, hochgradig ökonomisch eingesetzten Sprache, die dennoch kunstfertig erscheint. Allein die Kriminalgeschichte wirkt auf mich wie ein Fremdkörper, dessen Funktion – Spannung erzeugen, den Leser bei der Stange halten – viel selbstverständlicher von den Romanfiguren erfüllt wird. Man möchte gerne mehr über die Menschen erfahren, deren Charaktere und systemische Verstrickungen so viele spannende Themen umnreißen. Wem es gelingt, derart interessante Figuren zu entwickeln, der kann die Frage „Wer war’s?“ unbesorgt fallen lassen. „Wer seid Ihr?“ genügt mir hier vollauf.

Mitunter habe ich mir beim Lesen vorgestellt, dass es sich genau um jenes Kreuzfahrtschiff handelt, auf dem David Foster Wallace für Harper’s Bazaar mitfuhr, um das launige „Schrecklich David Foster Wallace - schrecklich amüsantamüsant-aber in Zukunft ohne mich“ zu schreiben. Der Titel dieses auf unterhaltsame Weise überflüssigen Werks hat durch den Suizid des Autors im Nachhinein eine sarkastische Doppeldeutigkeit erhalten. Einiges von der Melancholie, die meiner Empfindung nach durch das Buch weht, mag auch von dem Wissen um das Ableben seines Verfassers verursacht sein.

Einen ironischen Umgang mit dem Kreuzfahrt-Topos konnte man auch in der letzten Ausgabe der Zeit feststellen. Dass die Hamburger Zeitung hin und wieder mal vor dem Klimawandel warnt, hindert sie nicht daran, über ihr Spin-Off ZeitReisen Kreuzfahrten zu verticken. Mit von der Partie ist bei einer Tour von Hamburg nach New York auf der „Queen Mary 2“ auch der Herausgeber Josef Joffe, dessen journalistische Unabhängigkeit von Kritikern unter anderem wegen seiner Mitgliedschaft in der elitären Organisation „Atlantik-Brücke“, diplomatisch ausgedrückt, in Frage gestellt wird. „Faszination Transatlantik“ ist die Anzeige betitelt.

Slam the poor

Vor einigen Jahren bollerten regelmäßig rollende Theken namens Bierbike vor unserem Wohnzimmerfenster entlang. Anfangs war ich genervt von Mucke und Gegröle. Nach einer Weile entwickelte ich eine gewisse Sympathie für dieses harmlose Vergnügen – schließlich waren die Gefährte stets schnell wieder verschwunden. Meine erste Ablehnung erschien mir von Mittelklassedünkel geprägt. Klar wurde mir das, als ich auf einer Slampoetry-Veranstaltung Zeuge wurde, wie sich hundert Bürgerkinder über eine Junggesellen-Abschied-Verarsche beömmelten. Diese Verachtung von Personen aus ökonomisch schwächeren Schichten thematisiert der britische Autor Owen Jones in seinem Buch Chavs, zu Deutsch Prolls. In England hat das Phänomen des Unterschichten-Bashings noch mehr Kontur als bei uns, weil es Teil des politisch-kulturellen Programms des Thatcherismus war, gegen den der Sozialabbau der Kohl-Ära ausgesprochen harmlos wirkt. Polizeistaatliche Maßnahmen gegen Gewerkschaften wie in südamerikanischen Militärdiktaturen hat es hier nicht gegeben.  Doch die Aufkündigung des Solidarprinzips seitens der Sozialdemokraten hat unter Schröder dann doch wieder starke Ähnlichkeit mit dem Vorgehen von New Labour unter Blair.  Und allenthalben ist der Klassenkampf nur noch etwas, was von oben betrieben wird, aber nicht beim Namen genannt werden darf, weil sonst die sozialistische Mottenkiste im  aktiven Wortschatz der Konservativen herumrumpelt. Individueller Aufstieg statt Verbesserung der Lebensumstände ist die Empfehlung, die Mittel- und Oberklasse den Ärmeren predigen. Leistung statt Gemeinschaft. Wie unendlich viel schwerer es ist, aus armen Verhältnissen in die Mittelklasse aufzusteigen, als einfach da zu bleiben, wo man herkommt, interessiert dabei fast niemanden. Auch nicht, dass man dabei ein chavsgesellschaftliches Pyramidenspiel zum Ideal erklärt, weil eben jeder es theoretisch angeblich schaffen kann, aber rein logisch nun mal nicht alle. Wo ist denn unten, wenn alle Mitte sind? Wäre es nicht besser, die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern, als ihnen zu sagen: Seid wie wir? Wie gefährlich es ist, wenn ein entrechtetes, verachtetes und verlachtes Proletariat, von seinen ehemaligen politischen Fürsprechern verraten, sich einer Immigrationswelle gegenüber sieht, wird in Chavs überzeugend beschrieben. Ich würde ergänzen wollen, dass die Abstiegsängste der Mittelschicht ebenfalls durch die demagogische Darstellung armer Menschen als fette, kettenrauchende Dauerfernseher befeuert werden. Welche Ärzte, welche Bürokaufleute möchten ihre Kinder mit den gewaltgeilen Monstren in die gleiche Schule schicken, zu denen manche Presseerzeugnisse den Nachwuchs der Armen so gerne stilisieren? Hier werden Mythen verbreitet, die das gesellschaftliche Klima vergiften, die Segregation vorantreiben und rechten Idologien den Boden bereiten. Nach jahrzehntelanger Verlautbarung des Wettbewerbprinzips sehen sich verängstigte Bürger und verarmte Arbeiter in Konkurrenz zu Immigranten. Dabei sind die Neuankömmlinge, seien es Flüchtlinge oder anderweitig Migrierte, unsere natürlichen Verbündeten im Kampf für bezahlbaren Wohnraum, bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Bildungschancen. Das schreibt Owen Jones, und da kann ich nur Beifall klatschen. Die von mir sehr gern gehörte Radiosendung „Zündfunk Generator“ (Bayrischer Rundfunk) hat zum Thema einen schönen Podcast: „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet„.

Das Bierbike wurde inzwischen u.a. auf Betreiben der Kölner Grünen verboten. Bevor man nun zur Mittelklassespießerschelte ansetzt: Ihre Berliner KollegInnen waren aus ökologischen Gründen für das Ding.