Tod und Tempel

Ein Ungluecksfall hat unseren Besuch des tibetischen Klosters in Bylakuppe verfinstert. Auf einer Steinbruecke mit niedrigem Saeulengelaender hatte sich eine Menschenmenge zusammengefunden. Der Rikschafahrer fand heraus, dass kurz zuvor ein Kind die zehn Meter in den flachen Fluss herabgestuerzt und dabei ums Leben gekommen war.
Das loeste bei uns eine gewisse Betaeubung aus und erinnerte mich an eine Begebenheit, die ich einmal in Jaipur erlebt hatte: Auf der Hauptstrasse stand ein Eselskarren, dessen Fahrer, offensichtlich ein armer Bauer, mit gen Himmel verdrehten Augen auf dem Ruecken lag. Schnell bildete sich eine Gruppe Schaulustiger um den Toten. Auf der gegenueberliegenden Strassenseite bemerkte dies ein Eier-Wallah, der mit fliegenden Flip-Flops seinen Stand neben den Eselskarren schob und begann, den Menschen seine Snacks anzubieten. Mit Omelettes, Ruehr- und Spiegeleiern im Mund fuhren die Inder fort, die Leiche des alten Mannes zu beschauen. Die Szene hat sich in meinem Gedaechtnis wegen der vielen gegensaetzlichen Gefuehle, die sie bei mir auch heute noch ausloest, als sehr indisch eingepraegt.
Charakteristisch fuer meinen Eindruck vom Land war aber auch die Beobachtung, dass der Buddha-Tempel von den Angehoerigen aller hier vertretenen Religionen besichtigt wird. Sogar einige in Hardcore-Burkas verpanzerte Musliminnen bewunderten die goldenen Figuren durch ihre vergitterten Sehschlitze. Das hatte unser Erstaunen ebenso verdient wie die kleinen Laeden vor dem Kloster, in denen man den Moenchen Gebetsmuehlen und gefaelschte Markenturnschuhe abkaufen kann.
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Ansicht ohne Balken und Gitter

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Waehler der Produktpiratenpartei

Als wir Stunden spaeter die Ungluecksstelle passierten, starrten immer noch ueber hundert Inder auf den Fluss hinunter.

In Kushalnager trugen die Anhaenger der verschiedenen Politik- und Glaubensrichtungen ihre Anschauungsymbole inzwischen offensiv zur Schau und stampften mit starrem Blick durch den Strassenschmutz. Zwei Einwohner rieten uns: “Go home”, und sie meinten es gut mit uns. Man erwartete auch, das wegen moeglicher Ausschreitungen im Zuge der Wahlen der Busverkehr eingeschraenkt wuerde. Na gut, dachten wir, hier war es ja eh nicht so schoen.

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Schenken statt schuften

Kushalnagar ist ein ungastlicher Ort, den nur aufsucht, wer Bylakuppe besuchen moechte, eine tibetische Enklave westlich von Mysore. Ein stossdaempferloser Bus liess uns jeden der 120 km ganz im Hier und Jetzt verbringen, wie es der Buddhist so gerne hat. Schon eine halbe Stunde vor Ankunft sahen wir die ersten Werbeplakate fuer das von uns gebuchte Hotel, dem ersten Haus am Platze. Das ‘Kannika International’ ist eines jener Haeuser, die mit grossen Ambitionen starten, um dann schneller zu verwahrlosen als ein DSDS-Sieger nach der Preisverleihung. Der uebermaessige Gebrauch von Raumspray naehrte schnell den Verdacht, dass hier etwas verborgen werden sollte. Um der Fantasie des Lesers Raum zu geben, sei hier lediglich das Badezimmerfenster abgebildet.
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Anstatt die Raeume putzen zu lassen, versuchen die Hoteleigner die Gaeste mit einer Ausgabe der Times Of India zu besaenftigen, die morgens unter der Tuer hindurchgeschoben wird. Nachdem ich das Exemplar entstaubt hatte, konnte ich ihm immerhin einige brauchbare Informationen zu den an Sylvester stattfindenden Regionalwahlen im Bundesstaat Karnataka entnehmen. Einige oekonomisch motivierte Wechselwaehler beklagten sich, dass die Parteien statt bisher 1000 nur noch 250-300 Rupien fuer die Waehlerstimme bezahlen wuerden. Stattdessen bestaechen sie mit billigen Kleidungsartikeln, die sie in den tibetischen Siedlungen Indiens einkaufen wuerden. Neben der Offenherzigkeit, mit der man diesen Vorgang diskutiert, finde ich die Vorstellung verstoerend, dass die Moenche Sweatshops unterhalten, in denen Baseballkappen mit dem Logo der hindunationalistischen Partei bestickt werden.
Fuer Hotel und Parteien gilt: Ist die Kernkompetenz verlumpt, versucht man den Ruf mit billigen Giveaways aufzupolieren. Ob das funktioniert? Ich habe meine Zweifel. Keinen Zweifel habe ich an der Funktionsfaehigkeit der Lichterkette vor dem Balkon unseres Hotelzimmers, auf den wir vor dem kniestigen Raum fliehen wollten. Sie haengt dem Hotelgast in der Sicht und zerflackert ihm das Hirn.
Frueh schlafen gehen und nicht an die Bettwaesche denken.
an.jpganaus.jpgaus

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