Pausenzeichen

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Die Malabar-Küste

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Der Meister der Beschämung

Es ist wieder einer dieser Tage in Nord-Kerala, an denen die Menschen sich nur in Zeitlupe bewegen. Mr. Mayan Mohamed, Executive Director der Western India Plywoods Limited, hat Verstaendnis fuer das Schlendertempo, auch wenn er in seinem klimatisierten Buero angenehmeren Temperaturen ausgesetzt ist als die 1200 Arbeiter seiner Sperrholzfabrik. Sie wurde von Herrn Mohameds Urgroßvater dereinst zur Herstellung von Versandkisten für den englischen Tee-Export gegründet. Als ihn ein Bürodiener unterrichtet, dass zwei westliche Touristen den Wunsch hegen, die Produktionsstaetten des Unternehmens zu besichtigen, ist er ebenso überrascht wie erfreut. Er lädt die beiden zum Tee ein und stellt ihnen einen Mitarbeiter zur Seite, der sie eine Stunde lang durch das Gelände führt und über Zerspaltung, Zerhäckselung, Zermahlung der Baumstämme, Herstellung verschiedener Holzbrei-Sorten, Pressen, Trocknen, Formen, Biegen und etliche andere Produktionsschritte aufklärt. Der Mitarbeiter ist von etwas schüchterner Natur, so dass seine Stimme die gusseisernen Maschinengiganten aus Deutschland nicht zu übertönen vermag. Dennoch genießen die Deutschen die auch anhand bloßen Anblicks lehrreiche Führung durch das halbe Dutzend Maschinenhallen, die den Fantasien von Steampunk-Aficionados entsprungen scheinen. Zur Mittagszeit finden sich die beiden Besucher im Konferenzraum des liebenswürdigen Managers wieder, der sich dafür entschuldigt, dass er nicht mehr als ein aus sieben verschiedenen Gerichten bestehendes Essen zur Verfügung stellen kann, da die Gäste so überraschend erschienen sind. Nach einem anschließenden Plausch beschenkt er sie mit Gewürzen aus der Region und einem vor Ort geformten Tablett und bittet um Nachsicht, auf die Schnelle keine größeren Gaben zur Hand zu haben. Die Gäste werden angewiesen, sich bei Problemen oder Informationsbedarf während ihres Indienbesuchs jederzeit an ihn zu wenden.
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Ohnehin lohnt sich aus meiner Sicht der Besuch von Fabriken noch mehr als das Aufsuchen der anerkannten Sehenswürdigkeiten. Paläste und Grabmale sind meist der Eitelkeit und Prunksucht verblichener Diktatoren geschuldet, von Touristen überlaufen und von Neppern belagert. Für Fabriken gilt das weniger, und man bekommt einen Einblick in den Arbeitsalltag der Menschen. Beim Gespräch mit einem Verwaltungsangestellten der Loknath Weberei-Kooperative stellte ich die Frage, ob die Kooperativen-Struktur der kommunistischen Regierung Keralas zu verdanken sei. Ein kleiner, barfüßiger Mann im Wickelrock, der in unserer Nähe ein paar Ladungen Stoff vorbeitrug, ballte die linke Faust, grinste mit allen 20 Zähnen und rief “YYYYESSS!”.
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Kerala:Wenig Armut, hoher Bildungsstand, sozialistische Bushaltestellen

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Ich bin wie Du

Der Gedanke an Folklore kann mich nachts aus dem Bett fahren und mit zitternden Fingern nach dem Lichtschalter tasten lassen, nicht ohne dass ich mir den kleinen Zeh an einem Bettpfosten breche, der nach meinen Berechnungen im Dunkeln einen Meter weiter links haette stehen muessen. Dass wir zu finsterer Morgenstunde freiwillig und ohne Fussverletzung eine Theyam-Zeremonie aufsuchten, deutet also darauf hin, dass es sich um nichts Folkloristisches handelt. Theyam heisst Gott, und das Ritual ist aelter als der Hinduismus, der ja auch schon 2500 Jahre auf dem Buckel hat. Ich unterhielt mich mit Ashok, der als Chemiker in Dubai arbeitet, demnaechst nach Australien zieht und ein Mal im Jahr wie seine Geschwister in sein Heimatdorf zurueckkehrt, um der dreitaegigen Zeremonie beizuwohnen. “I live a western lifestyle.” sagte er. “I am like you. But I believe in the Theyam.” Wenn der Gott seinen Tanz beendet hat, segnet und beraet er die ausrichtende Familie oder Gemeinde. Sein Repertoire reicht von astrologisch anmutenden Gemeinplaetzen bis hin zu familientherapeutischen Konsultationen. Die Glaeubigen lauschen ergriffen oder wagen lautstarke Diskussionen mit dem Mann, der in diesem Moment eine der moeglichen 450 Gottheiten ist. Waehrend die Inder darauf warten, an die Reihe zu kommen, schreiben sie SMS.
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Nach dem Segen des Theyams brach der einbeinige Alte in Jubel aus.

Manche Volksstaemme pflegen befremdlichere Rituale. Waehrend der Theyam-Zeremonie konnte ich einen Germanen beobachten, der trotz der hier auch zur Nachtzeit selten unter 25 Grad sinkenden Temperatur seine Landestracht angelegt hatte, einen um die Hueften geschlungenen Oberkoerperwams. Die pfiffigen Mitteleuropaeer stellen das Material dieser fuer fremde Kulturkreise charmearmen Kleider aus recycelten Kunststoffen her und nennen es Fleece - sie sind halt Improvisateure. Die Fuesse des Germanen versteckten sich vor der Hitze in fingerdicken Baumwollsocken, die durch Riemenschuhe quollen, welche er auch beim Betrotten der Zeremonienflaeche nicht ablegte. Seine schamanischen Kraefte waren so stark, dass keiner der Anwesenden sich diese Beleidigung anmerken lassen konnte, und in seiner touristischen Trance erreichte er sogar den Zustand subjektiver Unsichtbarkeit, weshalb er sich immer wieder ohne Scham zwischen Glaeubige und Gott zu draengen vermochte. Unentwegt belegte er den Gott mit magischen Blitzen, die er mit seinem Zauberkasten aus Armeslaenge Abstand auf ihn schleuderte. Kein Zweifel, hier begegneten sich zwei Zeremonienmeister auf Augenhoehe. Wir flohen, bevor uns der Germane als seinesgleichen erkennen konnte (”I live a western lifestyle! I am like you!”)

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