Heimflug

Die Wartezeit im Flughafen verkürzt noch einmal eine Ausgabe des Deccan Chronicle. In seiner Bangalore-Beilage findet sich ein Heiratsanzeigenteil, zu dem auch ein Formular zur Aufgabe solcher Annoncen gehört. Neben dem uns bekannten Sternzeichen können noch drei weitere, der indischen Astrologie enstammende Zuordnungen vorgenommen werden.
Wie weit gesetzliche Verordnungen und soziale Wirklichkeit auch im als westlich und modern geltenden Bangalore auseinanderklaffen, zeigt, dass man außerdem die eigene Kaste und Subkaste sowie die erwünschte Kastenzuordnung des gesuchten Partners angeben kann. Eigentlich ist das laut indischer Verfassung verboten.

Vielen Dank fürs Lesen und Schreiben. Bis bald!

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Kastenfremd tätiger Brahmane

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Care for your head

Um das Folgende verstehen zu können, muss man wissen, wie Ganesh zu seinem Elefantenkopf kam. Kurz gesagt, wurde ihm das ursprüngliche Haupt von seinem Vater Shiva irrtümlich abgeschlagen. Als dieser seinen Fehler erkannte, entwendete er dem nächstbesten Lebewesen den Kopf und setzte ihn seinem Sohn auf.

Auf unserem Heimweg haben wir noch einmal für zwei Tage Station in Mysore gemacht. Zufällig sahen wir, dass das im Beitrag Ja, Nein, Vielleicht, Weiß nicht abgebildete Plakat von der hiesigen Polizei in der Zwischenzeit überklebt worden war. Sie will damit die vielfach auf Motorrädern durch die Stadt brausenden Inder zum Aufsetzen von Integralhelmen überreden.
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“Nicht jeder bekommt Ersatz - achte auf Deinen Kopf”

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Pausenzeichen

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Die Malabar-Küste

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Der Meister der Beschämung

Es ist wieder einer dieser Tage in Nord-Kerala, an denen die Menschen sich nur in Zeitlupe bewegen. Mr. Mayan Mohamed, Executive Director der Western India Plywoods Limited, hat Verstaendnis fuer das Schlendertempo, auch wenn er in seinem klimatisierten Buero angenehmeren Temperaturen ausgesetzt ist als die 1200 Arbeiter seiner Sperrholzfabrik. Sie wurde von Herrn Mohameds Urgroßvater dereinst zur Herstellung von Versandkisten für den englischen Tee-Export gegründet. Als ihn ein Bürodiener unterrichtet, dass zwei westliche Touristen den Wunsch hegen, die Produktionsstaetten des Unternehmens zu besichtigen, ist er ebenso überrascht wie erfreut. Er lädt die beiden zum Tee ein und stellt ihnen einen Mitarbeiter zur Seite, der sie eine Stunde lang durch das Gelände führt und über Zerspaltung, Zerhäckselung, Zermahlung der Baumstämme, Herstellung verschiedener Holzbrei-Sorten, Pressen, Trocknen, Formen, Biegen und etliche andere Produktionsschritte aufklärt. Der Mitarbeiter ist von etwas schüchterner Natur, so dass seine Stimme die gusseisernen Maschinengiganten aus Deutschland nicht zu übertönen vermag. Dennoch genießen die Deutschen die auch anhand bloßen Anblicks lehrreiche Führung durch das halbe Dutzend Maschinenhallen, die den Fantasien von Steampunk-Aficionados entsprungen scheinen. Zur Mittagszeit finden sich die beiden Besucher im Konferenzraum des liebenswürdigen Managers wieder, der sich dafür entschuldigt, dass er nicht mehr als ein aus sieben verschiedenen Gerichten bestehendes Essen zur Verfügung stellen kann, da die Gäste so überraschend erschienen sind. Nach einem anschließenden Plausch beschenkt er sie mit Gewürzen aus der Region und einem vor Ort geformten Tablett und bittet um Nachsicht, auf die Schnelle keine größeren Gaben zur Hand zu haben. Die Gäste werden angewiesen, sich bei Problemen oder Informationsbedarf während ihres Indienbesuchs jederzeit an ihn zu wenden.
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Ohnehin lohnt sich aus meiner Sicht der Besuch von Fabriken noch mehr als das Aufsuchen der anerkannten Sehenswürdigkeiten. Paläste und Grabmale sind meist der Eitelkeit und Prunksucht verblichener Diktatoren geschuldet, von Touristen überlaufen und von Neppern belagert. Für Fabriken gilt das weniger, und man bekommt einen Einblick in den Arbeitsalltag der Menschen. Beim Gespräch mit einem Verwaltungsangestellten der Loknath Weberei-Kooperative stellte ich die Frage, ob die Kooperativen-Struktur der kommunistischen Regierung Keralas zu verdanken sei. Ein kleiner, barfüßiger Mann im Wickelrock, der in unserer Nähe ein paar Ladungen Stoff vorbeitrug, ballte die linke Faust, grinste mit allen 20 Zähnen und rief “YYYYESSS!”.
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Kerala:Wenig Armut, hoher Bildungsstand, sozialistische Bushaltestellen

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Ich bin wie Du

Der Gedanke an Folklore kann mich nachts aus dem Bett fahren und mit zitternden Fingern nach dem Lichtschalter tasten lassen, nicht ohne dass ich mir den kleinen Zeh an einem Bettpfosten breche, der nach meinen Berechnungen im Dunkeln einen Meter weiter links haette stehen muessen. Dass wir zu finsterer Morgenstunde freiwillig und ohne Fussverletzung eine Theyam-Zeremonie aufsuchten, deutet also darauf hin, dass es sich um nichts Folkloristisches handelt. Theyam heisst Gott, und das Ritual ist aelter als der Hinduismus, der ja auch schon 2500 Jahre auf dem Buckel hat. Ich unterhielt mich mit Ashok, der als Chemiker in Dubai arbeitet, demnaechst nach Australien zieht und ein Mal im Jahr wie seine Geschwister in sein Heimatdorf zurueckkehrt, um der dreitaegigen Zeremonie beizuwohnen. “I live a western lifestyle.” sagte er. “I am like you. But I believe in the Theyam.” Wenn der Gott seinen Tanz beendet hat, segnet und beraet er die ausrichtende Familie oder Gemeinde. Sein Repertoire reicht von astrologisch anmutenden Gemeinplaetzen bis hin zu familientherapeutischen Konsultationen. Die Glaeubigen lauschen ergriffen oder wagen lautstarke Diskussionen mit dem Mann, der in diesem Moment eine der moeglichen 450 Gottheiten ist. Waehrend die Inder darauf warten, an die Reihe zu kommen, schreiben sie SMS.
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Nach dem Segen des Theyams brach der einbeinige Alte in Jubel aus.

Manche Volksstaemme pflegen befremdlichere Rituale. Waehrend der Theyam-Zeremonie konnte ich einen Germanen beobachten, der trotz der hier auch zur Nachtzeit selten unter 25 Grad sinkenden Temperatur seine Landestracht angelegt hatte, einen um die Hueften geschlungenen Oberkoerperwams. Die pfiffigen Mitteleuropaeer stellen das Material dieser fuer fremde Kulturkreise charmearmen Kleider aus recycelten Kunststoffen her und nennen es Fleece - sie sind halt Improvisateure. Die Fuesse des Germanen versteckten sich vor der Hitze in fingerdicken Baumwollsocken, die durch Riemenschuhe quollen, welche er auch beim Betrotten der Zeremonienflaeche nicht ablegte. Seine schamanischen Kraefte waren so stark, dass keiner der Anwesenden sich diese Beleidigung anmerken lassen konnte, und in seiner touristischen Trance erreichte er sogar den Zustand subjektiver Unsichtbarkeit, weshalb er sich immer wieder ohne Scham zwischen Glaeubige und Gott zu draengen vermochte. Unentwegt belegte er den Gott mit magischen Blitzen, die er mit seinem Zauberkasten aus Armeslaenge Abstand auf ihn schleuderte. Kein Zweifel, hier begegneten sich zwei Zeremonienmeister auf Augenhoehe. Wir flohen, bevor uns der Germane als seinesgleichen erkennen konnte (”I live a western lifestyle! I am like you!”)

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Neues vom Ruesseltier

In Madikeri haben sich einige Menschen zu einer Buergerinitiative zusammengeschlossen, die sich um eine vertraegliche Loesung des Elefantenproblems bemueht. Unser Fuehrer durch das kraftstrotzende Gruen der Berge des Distrikts Coorg gehoert dazu. Sein Name ist Yashu. Er berichtet, dass die Elefanten sich fuer gewoehnlich in unbewohnten Waldregionen aufhalten und nur an die Felder gehen, wenn sich das Nahrungsangebot in ihrem Habitat durch abweichende Regenzeiten verknappt, was in den letzten Jahren immer haeufiger der Fall ist. Fuer die Bauern kann ein zertrampeltes Reisfeld lebensbedrohliche Ernteausfaelle bedingen. Also wehrten sie sich durch illegale Jagd auf die Tiere. Yashus Initiative rief die Regierung auf den Plan. Diese umstellte die betroffenen Gebiete gegen den Rat der Einheimischen mit Elektrozaeunen, erklaerte das Problem fuer erledigt und machte sich wieder vom bedrohten Acker. Yashu und seine Freunde beobachteten den Erfolg der Aktion am naechsten Morgen. Die Elefanten beruesselten den Zaun einige Male, standen eine Weile sinnierend herum und stapften wieder in den Wald zurueck. Wenig spaeter erschienen sie erneut und schlugen den antielenfantischen Schutzwall mit ein paar ausgerupften Baeumen zu Klump.

Es scheint also was zu gehen im Elefantenkopf, auch bei Ganesh, wie Yashu bei unserer Wanderung anhand einer kleinen Geschichte illustrierte.

Der Gott Shani ist ein unangenehmer Kerl. Er ist fuer die schlechteste Zeit im Leben eines jeden zustaendig. Als die Reihe an Ganesh ist, will ihn dieser auf den naechsten Tag vertroesten. Schon klar, sagt Shani, Du hast die Hosen voll. Neinnein, antwortet Ganesh, von mir aus koennen wir vertraglich vereinbaren, dass Du morgen mit deiner Arbeit anfangen darfst. Shani willigt ein und steht am naechsten Tag wieder vor der Tuer: He, Ruesselface, heute ist der erste Tag der schlechtesten Zeit Deines Lebens!
Ich glaube, Du irrst Dich, sagt Ganesh und haelt Shani die Abmachung unter die Nase:

D I E N S T V E R T R A G
Die Goetter Ganesh, im Folgenden Auftraggeber genannt, und Shani, als Auftragnehmer bezeichnet, kommen ueberein, dass der Auftragnehmer dem Auftraggeber die schlechteste Zeit seines Lebens bereiten wird. Der Auftragnehmer wird die Leistung keinem anderen Interessenten anbieten, bis er sie vollstaendig beim Auftraggeber erbracht hat. Der Auftragnehmer wird mit der Leistungserbringung am morgigen Tag beginnen.

Bis morgen also, sagt:
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Ganesh

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Der Feind im Teigmantel

Duerfen Atheisten Lieblingsgoetter haben? Wenn dem so ist, schliesse ich mich vielen glaeubigen Hindus an und entscheide mich fuer Ganesh, weil in dessen Elefantenkopf so viele Flausen stecken, dass sie ihm bald aus dem Ruessel rauskommen. Eine seiner Neckereien fuehrte zur Entstehung des River Cauvery, an dessen Ufer uns ein Bus der Karnataka State Road Transport Corporation in Richtung dessen Ursprungs ruettelte. Die erste Etappe bildete Baghamandala, der Zusammenfluss des Flusses mit zwei weiteren Gewaessern. Ein indischer Schuljunge verwickelte uns in ein Gespraech, dass uns so weich und freundlich umplaetscherte wie die heiligen Waesserchen, in denen wir standen, waehrend hinter uns meine brahmanischen Kastengenossen undurchschaubare Rituale vollzogen. Zuletzt sagte der Junge: Maybe see you again?
Wir erreichten die Tala Cauvery, die Quelle des Flusses und schauten mitten im Gewimmel erneut in die samtigen Augen des Kindes. Wir lernten auch dessen Vater kennen, verblieben mit herzlichen Gesten und einem gegenseitigen: Maybe see you again? Natuerlich begegneten wir den beiden auf dem Heimweg wieder.
Ausgehungert torkelten wir ins naechste Restaurant der Distrikthauptstadt Madikeri.
Hier trafen wir, nein, nicht auf den Jungen, sondern auf die Ursache meiner folgenden zweitaegigen Schwaecheperiode. Sie wohnte irgendwo in einer kleinen vegetarischen Teigtasche, die selber schon einen kraenklichen Eindruck machte. Aber der Bus hatte fuer die letzten 36 Kilometer zweieinhalb Stunden gebraucht und ich kaum so etwas wie ein Fruehstueck gehabt! Die Temperatur des Snacks lag nur wenig ueber der des Raumes. Ich horchte am unterfrittierten Objekt und hoerte die die Gesaenge der Kleinlebewesen. Doch schon sog das schwarze Loch in meinem Magen die Nahrung an sich.
May be see you again? sagte ich zu dem Samosa, bevor ich ihn ass.

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Der Ruf der Natur

Mrs. Daisy ist Plantagenbesitzerin, Eigentuemerin eines Grundstuecks auf den Andamanen und ebenso vermoegend wie geschmackssicher. Bei manchen Themen zieht sie das Kinn etwas zurueck (’All the trouble began with the unions’) oder die Augenbrauen hoch (’Well we had our trouble with the NGOs’). Sie gehoert dem Stamm der Kurdaghi an, der hier in der Region Coorg beheimatet ist und seine Urspruenge auf Soldaten Alexanders des Grossen zurueckfuehrt. Wir haben das Glueck, uns den von ihr bereiteten Leckereien im drei Generationen umfassenden Familienkreis widmen zu duerfen und die Politik bei den gepflegten Konversationen meiden zu koennen.

Stattdessen beziehen wir unsere Informationen aus dem auf unserem Terassentisch ausliegenden Deccan Chronicle. Der berichtet, dass die Wahlen bis auf kleinere Steinwerfereien zwischen BJP- und Kongressparteianhaengern dann doch friedlich verlaufen sind. 15 Parteifunktionaere wurden wegen Verdacht auf Waehlerbestechung in U-Haft genommen. Interessant ist, dass trotz teilweise unzureichender oder gar nicht vorhandener Stromversorgung mit elektronischen Wahlmaschinen abgestimmt wird. In Chikkanhalli entwendete ein Unbekannter das Abstimmungsgeraet aus dem Wahllokal. Er machte sich dabei zunutze, dass drei der sechs Wahlhelfer schliefen, zwei sich auf Toilette befanden (’Two of them had to follow nature’s call’) und der verbliebene ihn in der stromlosen Dunkelheit nicht zu fassen bekam. Der Automat wurde bei Tageslicht dann im Dorfbrunnen gefunden.
Man kann sich denken, was Mrs. Daisy dazu sagen wuerde: ‘Well, elections are not always helpful’.
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Wahlmaschinenendlager

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Tod und Tempel

Ein Ungluecksfall hat unseren Besuch des tibetischen Klosters in Bylakuppe verfinstert. Auf einer Steinbruecke mit niedrigem Saeulengelaender hatte sich eine Menschenmenge zusammengefunden. Der Rikschafahrer fand heraus, dass kurz zuvor ein Kind die zehn Meter in den flachen Fluss herabgestuerzt und dabei ums Leben gekommen war.
Das loeste bei uns eine gewisse Betaeubung aus und erinnerte mich an eine Begebenheit, die ich einmal in Jaipur erlebt hatte: Auf der Hauptstrasse stand ein Eselskarren, dessen Fahrer, offensichtlich ein armer Bauer, mit gen Himmel verdrehten Augen auf dem Ruecken lag. Schnell bildete sich eine Gruppe Schaulustiger um den Toten. Auf der gegenueberliegenden Strassenseite bemerkte dies ein Eier-Wallah, der mit fliegenden Flip-Flops seinen Stand neben den Eselskarren schob und begann, den Menschen seine Snacks anzubieten. Mit Omelettes, Ruehr- und Spiegeleiern im Mund fuhren die Inder fort, die Leiche des alten Mannes zu beschauen. Die Szene hat sich in meinem Gedaechtnis wegen der vielen gegensaetzlichen Gefuehle, die sie bei mir auch heute noch ausloest, als sehr indisch eingepraegt.
Charakteristisch fuer meinen Eindruck vom Land war aber auch die Beobachtung, dass der Buddha-Tempel von den Angehoerigen aller hier vertretenen Religionen besichtigt wird. Sogar einige in Hardcore-Burkas verpanzerte Musliminnen bewunderten die goldenen Figuren durch ihre vergitterten Sehschlitze. Das hatte unser Erstaunen ebenso verdient wie die kleinen Laeden vor dem Kloster, in denen man den Moenchen Gebetsmuehlen und gefaelschte Markenturnschuhe abkaufen kann.
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Ansicht ohne Balken und Gitter

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Waehler der Produktpiratenpartei

Als wir Stunden spaeter die Ungluecksstelle passierten, starrten immer noch ueber hundert Inder auf den Fluss hinunter.

In Kushalnager trugen die Anhaenger der verschiedenen Politik- und Glaubensrichtungen ihre Anschauungsymbole inzwischen offensiv zur Schau und stampften mit starrem Blick durch den Strassenschmutz. Zwei Einwohner rieten uns: “Go home”, und sie meinten es gut mit uns. Man erwartete auch, das wegen moeglicher Ausschreitungen im Zuge der Wahlen der Busverkehr eingeschraenkt wuerde. Na gut, dachten wir, hier war es ja eh nicht so schoen.

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