Heimflug

Die Wartezeit im Flughafen verkürzt noch einmal eine Ausgabe des Deccan Chronicle. In seiner Bangalore-Beilage findet sich ein Heiratsanzeigenteil, zu dem auch ein Formular zur Aufgabe solcher Annoncen gehört. Neben dem uns bekannten Sternzeichen können noch drei weitere, der indischen Astrologie enstammende Zuordnungen vorgenommen werden.
Wie weit gesetzliche Verordnungen und soziale Wirklichkeit auch im als westlich und modern geltenden Bangalore auseinanderklaffen, zeigt, dass man außerdem die eigene Kaste und Subkaste sowie die erwünschte Kastenzuordnung des gesuchten Partners angeben kann. Eigentlich ist das laut indischer Verfassung verboten.

Vielen Dank fürs Lesen und Schreiben. Bis bald!

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Kastenfremd tätiger Brahmane

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Care for your head

Um das Folgende verstehen zu können, muss man wissen, wie Ganesh zu seinem Elefantenkopf kam. Kurz gesagt, wurde ihm das ursprüngliche Haupt von seinem Vater Shiva irrtümlich abgeschlagen. Als dieser seinen Fehler erkannte, entwendete er dem nächstbesten Lebewesen den Kopf und setzte ihn seinem Sohn auf.

Auf unserem Heimweg haben wir noch einmal für zwei Tage Station in Mysore gemacht. Zufällig sahen wir, dass das im Beitrag Ja, Nein, Vielleicht, Weiß nicht abgebildete Plakat von der hiesigen Polizei in der Zwischenzeit überklebt worden war. Sie will damit die vielfach auf Motorrädern durch die Stadt brausenden Inder zum Aufsetzen von Integralhelmen überreden.
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“Nicht jeder bekommt Ersatz - achte auf Deinen Kopf”

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Pausenzeichen

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Die Malabar-Küste

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Der Meister der Beschämung

Es ist wieder einer dieser Tage in Nord-Kerala, an denen die Menschen sich nur in Zeitlupe bewegen. Mr. Mayan Mohamed, Executive Director der Western India Plywoods Limited, hat Verstaendnis fuer das Schlendertempo, auch wenn er in seinem klimatisierten Buero angenehmeren Temperaturen ausgesetzt ist als die 1200 Arbeiter seiner Sperrholzfabrik. Sie wurde von Herrn Mohameds Urgroßvater dereinst zur Herstellung von Versandkisten für den englischen Tee-Export gegründet. Als ihn ein Bürodiener unterrichtet, dass zwei westliche Touristen den Wunsch hegen, die Produktionsstaetten des Unternehmens zu besichtigen, ist er ebenso überrascht wie erfreut. Er lädt die beiden zum Tee ein und stellt ihnen einen Mitarbeiter zur Seite, der sie eine Stunde lang durch das Gelände führt und über Zerspaltung, Zerhäckselung, Zermahlung der Baumstämme, Herstellung verschiedener Holzbrei-Sorten, Pressen, Trocknen, Formen, Biegen und etliche andere Produktionsschritte aufklärt. Der Mitarbeiter ist von etwas schüchterner Natur, so dass seine Stimme die gusseisernen Maschinengiganten aus Deutschland nicht zu übertönen vermag. Dennoch genießen die Deutschen die auch anhand bloßen Anblicks lehrreiche Führung durch das halbe Dutzend Maschinenhallen, die den Fantasien von Steampunk-Aficionados entsprungen scheinen. Zur Mittagszeit finden sich die beiden Besucher im Konferenzraum des liebenswürdigen Managers wieder, der sich dafür entschuldigt, dass er nicht mehr als ein aus sieben verschiedenen Gerichten bestehendes Essen zur Verfügung stellen kann, da die Gäste so überraschend erschienen sind. Nach einem anschließenden Plausch beschenkt er sie mit Gewürzen aus der Region und einem vor Ort geformten Tablett und bittet um Nachsicht, auf die Schnelle keine größeren Gaben zur Hand zu haben. Die Gäste werden angewiesen, sich bei Problemen oder Informationsbedarf während ihres Indienbesuchs jederzeit an ihn zu wenden.
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Ohnehin lohnt sich aus meiner Sicht der Besuch von Fabriken noch mehr als das Aufsuchen der anerkannten Sehenswürdigkeiten. Paläste und Grabmale sind meist der Eitelkeit und Prunksucht verblichener Diktatoren geschuldet, von Touristen überlaufen und von Neppern belagert. Für Fabriken gilt das weniger, und man bekommt einen Einblick in den Arbeitsalltag der Menschen. Beim Gespräch mit einem Verwaltungsangestellten der Loknath Weberei-Kooperative stellte ich die Frage, ob die Kooperativen-Struktur der kommunistischen Regierung Keralas zu verdanken sei. Ein kleiner, barfüßiger Mann im Wickelrock, der in unserer Nähe ein paar Ladungen Stoff vorbeitrug, ballte die linke Faust, grinste mit allen 20 Zähnen und rief “YYYYESSS!”.
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    Ich bin wie Du

    Der Gedanke an Folklore kann mich nachts aus dem Bett fahren und mit zitternden Fingern nach dem Lichtschalter tasten lassen, nicht ohne dass ich mir den kleinen Zeh an einem Bettpfosten breche, der nach meinen Berechnungen im Dunkeln einen Meter weiter links haette stehen muessen. Dass wir zu finsterer Morgenstunde freiwillig und ohne Fussverletzung eine Theyam-Zeremonie aufsuchten, deutet also darauf hin, dass es sich um nichts Folkloristisches handelt. Theyam heisst Gott, und das Ritual ist aelter als der Hinduismus, der ja auch schon 2500 Jahre auf dem Buckel hat. Ich unterhielt mich mit Ashok, der als Chemiker in Dubai arbeitet, demnaechst nach Australien zieht und ein Mal im Jahr wie seine Geschwister in sein Heimatdorf zurueckkehrt, um der dreitaegigen Zeremonie beizuwohnen. “I live a western lifestyle.” sagte er. “I am like you. But I believe in the Theyam.” Wenn der Gott seinen Tanz beendet hat, segnet und beraet er die ausrichtende Familie oder Gemeinde. Sein Repertoire reicht von astrologisch anmutenden Gemeinplaetzen bis hin zu familientherapeutischen Konsultationen. Die Glaeubigen lauschen ergriffen oder wagen lautstarke Diskussionen mit dem Mann, der in diesem Moment eine der moeglichen 450 Gottheiten ist. Waehrend die Inder darauf warten, an die Reihe zu kommen, schreiben sie SMS.
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    Nach dem Segen des Theyams brach der einbeinige Alte in Jubel aus.

    Manche Volksstaemme pflegen befremdlichere Rituale. Waehrend der Theyam-Zeremonie konnte ich einen Germanen beobachten, der trotz der hier auch zur Nachtzeit selten unter 25 Grad sinkenden Temperatur seine Landestracht angelegt hatte, einen um die Hueften geschlungenen Oberkoerperwams. Die pfiffigen Mitteleuropaeer stellen das Material dieser fuer fremde Kulturkreise charmearmen Kleider aus recycelten Kunststoffen her und nennen es Fleece - sie sind halt Improvisateure. Die Fuesse des Germanen versteckten sich vor der Hitze in fingerdicken Baumwollsocken, die durch Riemenschuhe quollen, welche er auch beim Betrotten der Zeremonienflaeche nicht ablegte. Seine schamanischen Kraefte waren so stark, dass keiner der Anwesenden sich diese Beleidigung anmerken lassen konnte, und in seiner touristischen Trance erreichte er sogar den Zustand subjektiver Unsichtbarkeit, weshalb er sich immer wieder ohne Scham zwischen Glaeubige und Gott zu draengen vermochte. Unentwegt belegte er den Gott mit magischen Blitzen, die er mit seinem Zauberkasten aus Armeslaenge Abstand auf ihn schleuderte. Kein Zweifel, hier begegneten sich zwei Zeremonienmeister auf Augenhoehe. Wir flohen, bevor uns der Germane als seinesgleichen erkennen konnte (”I live a western lifestyle! I am like you!”)

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    Neues vom Ruesseltier

    In Madikeri haben sich einige Menschen zu einer Buergerinitiative zusammengeschlossen, die sich um eine vertraegliche Loesung des Elefantenproblems bemueht. Unser Fuehrer durch das kraftstrotzende Gruen der Berge des Distrikts Coorg gehoert dazu. Sein Name ist Yashu. Er berichtet, dass die Elefanten sich fuer gewoehnlich in unbewohnten Waldregionen aufhalten und nur an die Felder gehen, wenn sich das Nahrungsangebot in ihrem Habitat durch abweichende Regenzeiten verknappt, was in den letzten Jahren immer haeufiger der Fall ist. Fuer die Bauern kann ein zertrampeltes Reisfeld lebensbedrohliche Ernteausfaelle bedingen. Also wehrten sie sich durch illegale Jagd auf die Tiere. Yashus Initiative rief die Regierung auf den Plan. Diese umstellte die betroffenen Gebiete gegen den Rat der Einheimischen mit Elektrozaeunen, erklaerte das Problem fuer erledigt und machte sich wieder vom bedrohten Acker. Yashu und seine Freunde beobachteten den Erfolg der Aktion am naechsten Morgen. Die Elefanten beruesselten den Zaun einige Male, standen eine Weile sinnierend herum und stapften wieder in den Wald zurueck. Wenig spaeter erschienen sie erneut und schlugen den antielenfantischen Schutzwall mit ein paar ausgerupften Baeumen zu Klump.

    Es scheint also was zu gehen im Elefantenkopf, auch bei Ganesh, wie Yashu bei unserer Wanderung anhand einer kleinen Geschichte illustrierte.

    Der Gott Shani ist ein unangenehmer Kerl. Er ist fuer die schlechteste Zeit im Leben eines jeden zustaendig. Als die Reihe an Ganesh ist, will ihn dieser auf den naechsten Tag vertroesten. Schon klar, sagt Shani, Du hast die Hosen voll. Neinnein, antwortet Ganesh, von mir aus koennen wir vertraglich vereinbaren, dass Du morgen mit deiner Arbeit anfangen darfst. Shani willigt ein und steht am naechsten Tag wieder vor der Tuer: He, Ruesselface, heute ist der erste Tag der schlechtesten Zeit Deines Lebens!
    Ich glaube, Du irrst Dich, sagt Ganesh und haelt Shani die Abmachung unter die Nase:

    D I E N S T V E R T R A G
    Die Goetter Ganesh, im Folgenden Auftraggeber genannt, und Shani, als Auftragnehmer bezeichnet, kommen ueberein, dass der Auftragnehmer dem Auftraggeber die schlechteste Zeit seines Lebens bereiten wird. Der Auftragnehmer wird die Leistung keinem anderen Interessenten anbieten, bis er sie vollstaendig beim Auftraggeber erbracht hat. Der Auftragnehmer wird mit der Leistungserbringung am morgigen Tag beginnen.

    Bis morgen also, sagt:
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    Ganesh

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    Der Feind im Teigmantel

    Duerfen Atheisten Lieblingsgoetter haben? Wenn dem so ist, schliesse ich mich vielen glaeubigen Hindus an und entscheide mich fuer Ganesh, weil in dessen Elefantenkopf so viele Flausen stecken, dass sie ihm bald aus dem Ruessel rauskommen. Eine seiner Neckereien fuehrte zur Entstehung des River Cauvery, an dessen Ufer uns ein Bus der Karnataka State Road Transport Corporation in Richtung dessen Ursprungs ruettelte. Die erste Etappe bildete Baghamandala, der Zusammenfluss des Flusses mit zwei weiteren Gewaessern. Ein indischer Schuljunge verwickelte uns in ein Gespraech, dass uns so weich und freundlich umplaetscherte wie die heiligen Waesserchen, in denen wir standen, waehrend hinter uns meine brahmanischen Kastengenossen undurchschaubare Rituale vollzogen. Zuletzt sagte der Junge: Maybe see you again?
    Wir erreichten die Tala Cauvery, die Quelle des Flusses und schauten mitten im Gewimmel erneut in die samtigen Augen des Kindes. Wir lernten auch dessen Vater kennen, verblieben mit herzlichen Gesten und einem gegenseitigen: Maybe see you again? Natuerlich begegneten wir den beiden auf dem Heimweg wieder.
    Ausgehungert torkelten wir ins naechste Restaurant der Distrikthauptstadt Madikeri.
    Hier trafen wir, nein, nicht auf den Jungen, sondern auf die Ursache meiner folgenden zweitaegigen Schwaecheperiode. Sie wohnte irgendwo in einer kleinen vegetarischen Teigtasche, die selber schon einen kraenklichen Eindruck machte. Aber der Bus hatte fuer die letzten 36 Kilometer zweieinhalb Stunden gebraucht und ich kaum so etwas wie ein Fruehstueck gehabt! Die Temperatur des Snacks lag nur wenig ueber der des Raumes. Ich horchte am unterfrittierten Objekt und hoerte die die Gesaenge der Kleinlebewesen. Doch schon sog das schwarze Loch in meinem Magen die Nahrung an sich.
    May be see you again? sagte ich zu dem Samosa, bevor ich ihn ass.

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    Der Ruf der Natur

    Mrs. Daisy ist Plantagenbesitzerin, Eigentuemerin eines Grundstuecks auf den Andamanen und ebenso vermoegend wie geschmackssicher. Bei manchen Themen zieht sie das Kinn etwas zurueck (’All the trouble began with the unions’) oder die Augenbrauen hoch (’Well we had our trouble with the NGOs’). Sie gehoert dem Stamm der Kurdaghi an, der hier in der Region Coorg beheimatet ist und seine Urspruenge auf Soldaten Alexanders des Grossen zurueckfuehrt. Wir haben das Glueck, uns den von ihr bereiteten Leckereien im drei Generationen umfassenden Familienkreis widmen zu duerfen und die Politik bei den gepflegten Konversationen meiden zu koennen.

    Stattdessen beziehen wir unsere Informationen aus dem auf unserem Terassentisch ausliegenden Deccan Chronicle. Der berichtet, dass die Wahlen bis auf kleinere Steinwerfereien zwischen BJP- und Kongressparteianhaengern dann doch friedlich verlaufen sind. 15 Parteifunktionaere wurden wegen Verdacht auf Waehlerbestechung in U-Haft genommen. Interessant ist, dass trotz teilweise unzureichender oder gar nicht vorhandener Stromversorgung mit elektronischen Wahlmaschinen abgestimmt wird. In Chikkanhalli entwendete ein Unbekannter das Abstimmungsgeraet aus dem Wahllokal. Er machte sich dabei zunutze, dass drei der sechs Wahlhelfer schliefen, zwei sich auf Toilette befanden (’Two of them had to follow nature’s call’) und der verbliebene ihn in der stromlosen Dunkelheit nicht zu fassen bekam. Der Automat wurde bei Tageslicht dann im Dorfbrunnen gefunden.
    Man kann sich denken, was Mrs. Daisy dazu sagen wuerde: ‘Well, elections are not always helpful’.
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    Wahlmaschinenendlager

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    Tod und Tempel

    Ein Ungluecksfall hat unseren Besuch des tibetischen Klosters in Bylakuppe verfinstert. Auf einer Steinbruecke mit niedrigem Saeulengelaender hatte sich eine Menschenmenge zusammengefunden. Der Rikschafahrer fand heraus, dass kurz zuvor ein Kind die zehn Meter in den flachen Fluss herabgestuerzt und dabei ums Leben gekommen war.
    Das loeste bei uns eine gewisse Betaeubung aus und erinnerte mich an eine Begebenheit, die ich einmal in Jaipur erlebt hatte: Auf der Hauptstrasse stand ein Eselskarren, dessen Fahrer, offensichtlich ein armer Bauer, mit gen Himmel verdrehten Augen auf dem Ruecken lag. Schnell bildete sich eine Gruppe Schaulustiger um den Toten. Auf der gegenueberliegenden Strassenseite bemerkte dies ein Eier-Wallah, der mit fliegenden Flip-Flops seinen Stand neben den Eselskarren schob und begann, den Menschen seine Snacks anzubieten. Mit Omelettes, Ruehr- und Spiegeleiern im Mund fuhren die Inder fort, die Leiche des alten Mannes zu beschauen. Die Szene hat sich in meinem Gedaechtnis wegen der vielen gegensaetzlichen Gefuehle, die sie bei mir auch heute noch ausloest, als sehr indisch eingepraegt.
    Charakteristisch fuer meinen Eindruck vom Land war aber auch die Beobachtung, dass der Buddha-Tempel von den Angehoerigen aller hier vertretenen Religionen besichtigt wird. Sogar einige in Hardcore-Burkas verpanzerte Musliminnen bewunderten die goldenen Figuren durch ihre vergitterten Sehschlitze. Das hatte unser Erstaunen ebenso verdient wie die kleinen Laeden vor dem Kloster, in denen man den Moenchen Gebetsmuehlen und gefaelschte Markenturnschuhe abkaufen kann.
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    Ansicht ohne Balken und Gitter

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    Waehler der Produktpiratenpartei

    Als wir Stunden spaeter die Ungluecksstelle passierten, starrten immer noch ueber hundert Inder auf den Fluss hinunter.

    In Kushalnager trugen die Anhaenger der verschiedenen Politik- und Glaubensrichtungen ihre Anschauungsymbole inzwischen offensiv zur Schau und stampften mit starrem Blick durch den Strassenschmutz. Zwei Einwohner rieten uns: “Go home”, und sie meinten es gut mit uns. Man erwartete auch, das wegen moeglicher Ausschreitungen im Zuge der Wahlen der Busverkehr eingeschraenkt wuerde. Na gut, dachten wir, hier war es ja eh nicht so schoen.

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    Schenken statt schuften

    Kushalnagar ist ein ungastlicher Ort, den nur aufsucht, wer Bylakuppe besuchen moechte, eine tibetische Enklave westlich von Mysore. Ein stossdaempferloser Bus liess uns jeden der 120 km ganz im Hier und Jetzt verbringen, wie es der Buddhist so gerne hat. Schon eine halbe Stunde vor Ankunft sahen wir die ersten Werbeplakate fuer das von uns gebuchte Hotel, dem ersten Haus am Platze. Das ‘Kannika International’ ist eines jener Haeuser, die mit grossen Ambitionen starten, um dann schneller zu verwahrlosen als ein DSDS-Sieger nach der Preisverleihung. Der uebermaessige Gebrauch von Raumspray naehrte schnell den Verdacht, dass hier etwas verborgen werden sollte. Um der Fantasie des Lesers Raum zu geben, sei hier lediglich das Badezimmerfenster abgebildet.
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    Anstatt die Raeume putzen zu lassen, versuchen die Hoteleigner die Gaeste mit einer Ausgabe der Times Of India zu besaenftigen, die morgens unter der Tuer hindurchgeschoben wird. Nachdem ich das Exemplar entstaubt hatte, konnte ich ihm immerhin einige brauchbare Informationen zu den an Sylvester stattfindenden Regionalwahlen im Bundesstaat Karnataka entnehmen. Einige oekonomisch motivierte Wechselwaehler beklagten sich, dass die Parteien statt bisher 1000 nur noch 250-300 Rupien fuer die Waehlerstimme bezahlen wuerden. Stattdessen bestaechen sie mit billigen Kleidungsartikeln, die sie in den tibetischen Siedlungen Indiens einkaufen wuerden. Neben der Offenherzigkeit, mit der man diesen Vorgang diskutiert, finde ich die Vorstellung verstoerend, dass die Moenche Sweatshops unterhalten, in denen Baseballkappen mit dem Logo der hindunationalistischen Partei bestickt werden.
    Fuer Hotel und Parteien gilt: Ist die Kernkompetenz verlumpt, versucht man den Ruf mit billigen Giveaways aufzupolieren. Ob das funktioniert? Ich habe meine Zweifel. Keinen Zweifel habe ich an der Funktionsfaehigkeit der Lichterkette vor dem Balkon unseres Hotelzimmers, auf den wir vor dem kniestigen Raum fliehen wollten. Sie haengt dem Hotelgast in der Sicht und zerflackert ihm das Hirn.
    Frueh schlafen gehen und nicht an die Bettwaesche denken.
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    Wiedergeburtswunsch Sumpfkrokodil

    Heute (das heisst vorvorgestern, ich bin im Rueckstand) haben wir endlich einen Kingfisher gesehen. Diese Voegel gibt es bei uns auch, da heissen sie Eisvoegel und sind viel kleiner als in Indien, wo es seit einigen jahren auch eine gleichnamige Fluggesellschaft gibt. Das waere nicht weiter beunruhigend, hiesse so nicht auch der Marktfuehrer im indischen Bierbusiness. Wer wuerde schon eine Maschine der Reissdorf Air besteigen? Dann lieber auf der Gorch Fock die Seekrankheit mit Beck’s bekaempfen.
    Die heilende Kraft des Getreidegetraenks ist im Ayurveda bislang allerdings unbekannt. Bei der Eingangsuntersuchung zu unseren treatments fragte mich der Assistenzarzt nach meinem Alkoholkonsum. Ich erklaerte ihm, dass ich aus indischer Sicht ein Saeufer, fuer deutsche Begriffe ein Duchschnittstrinker und nach russischen Massstaeben ein Abstinenzler waere. Ich erntete einen schwer zu deutenden Blick. Man muss dabei anmerken, dass Staub, Abgase und Zugwind beim Rikschafahren eine empfindsame Reaktion meiner oberen Gesichtspartie bewirkt haben. Ich sehe aus wie ein tibetischer Harald Juhnke.
    Dem Kingfisher (dem Tier, nicht dem Bier) begegneten wir im Ranganthittu Bird Sanctuary, wo auch der Mugger lebt, und das offensichtlich gut und gerne. Der Mugger ist die kleinste der hiesigen Krokodilarten: Neben dem bis zu sieben Meter langen, unfreundlichen Salzwasserkrokodil und dem bisweilen sechs Meter erreichenden und absonderlich gebauten Gangesgavial geht der Mugger mit maximal vierhundert Zentimetern fast noch als Eidechse durch. Dennoch ist das kleinste Kroko so gross, dass das groesste Nagetier der Welt in ihn hineinpasst: Das Wasserschwein. Hinterher liegt das Reptil ein halbes Jahr lang auf der faulen Schuppe.
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    Mund auf, Augen zu.

    Vielen herzlichen Dank fuer die freundlichen Emails und Kommentare zum Blog!

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    Dr. Rao und die Russen

    Jedes Jahr kommen viel mehr Menschen durch herabfallende Kokosnuesse ums Leben als durch Angriffe von Haien.
    An dem vorhergehenden Satz faellt Folgendes auf:
    1. Die Zeitangabe ist ueberfluessig, denn wenn das jedes Jahr so ist, ist es prinzipiell so.
    2. Viele Menschen (ich besonders) haben panische Angst vor den Raubfischen, aber keiner fuerchtet die Frucht.
    Zu unrecht, wie folgendes Erlebnis zeigt: Mit Geraschel und In-den-Baeumen-Gewurschtel durchquerte eine Horde Rhesus-Affen das Gelaende, auf dem wir einige Tage zu Gast waren. Das erste der Wesen mit dem seidigen, sandfarbenen Fell und den Gesichtern verbitterter Greise hielt eine fussballgrosse Kokosnuss in den Haenden, die es austrank und mit affenartiger Kraft aus 5 Metern Hoehe auf den Gehweg schmetterte. So etwas haette kein russischer Esoteriker ueberlebt.
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    Angestellter der Affenmafia

    Wieso ausgerechnet russische Esoteriker?
    Deshalb:
    20 km noerdlich von Mysore betreibt ein freundlicher kleiner Mann mit Schnauzbart eine ayurvedische Kurklinik, das Swaasthya Ayurveda Village. Dieser Mann ist Dr. Rao, und er hat einige Jahre im Sueden Russlands praktiziert, was ihm einen stetigen Strom ehemaliger Sovietbuerger in die 12 Betten leitet, die von ihm und etwa 20 Angestellten inmitten palmengesaeumter Zuckerrohrfelder bewirtschaftet werden. Sie unterziehen sich dort fuer zwei bis drei Wochen streng ayurvedischen Behandlungen, ayurvedischer Kost und klassischem Yoga-Unterricht. Von Russen majorisierte Ferienorte stellt man sich nun gemeinhin nicht so vor, dass man nach dem vegetarischen Abendessen beim Kraeutertee sitzt und einander mit gedaempfter Stimme freundliche Worte mit sch-Lauten zunuschelt. Hier ist es so, und uns hat das gut gefallen.
    Als Deutsche und Nicht-Kurgaeste wollten wir unsere Aussenseiterrolle etwas abmildern und nahmen auch selbst Behandlungen in Anspruch. Notfalls haette ich ein Gebrechen erfunden, aber ab 40 hat man ja immer was. Nun muss ich drei Monate lang sehr schmackhafte indische Kraeutertabletten nehmen, die ich leider nur schlucken soll und nicht zerbeissen darf. Mein Nacken wird die milden Haende des indischen Masseurs vermissen.
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    Schon der Zugang hat heilsame Wirkung

    “Aufgespiesste Spinnen mimten Palmen.” schreibt Marcus Braun in seinem merkwuerdigen Roman “Delhi”. Hier aber sehen die Palmen im Halbdunkel aus wie die Scherenschnitte rasender Windraeder, und hinter dem Haus stuerzen sich Reiher und Kormorane in den fuer indische Begriffe antiseptischen Fluss. Darueber schweben schillernde Libellen. Sie sind so gross wie Motorraeder.

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    Betuppen erbeten

    Manchmal ist das Leben einfacher, wenn man sich uebers Ohr hauen laesst und so tut, als haette man’s nicht bemerkt. Des Neinsagens und Verhandelns muede, haben wir das auf dem beruehmten Devaraja-Markt in Mysore so gehalten.
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    Von Touristen angefertigtes Touristenfoto

    Teurer Tand schluepfte in unsere Rucksaecke. Man soll eigentlich auch niemals Rickschafahrern nachgeben, die so nen super Laden um die Ecke kennen und einen fuer 20 Pfennig dahin fahren wollen. Aber interessant ist auch, wenn man’s dann eben doch tut. Kostspieliger Kappes fand in unseren Besitz. Ich finde, wenn die Preise nach unserer Lesart laecherlich niedrig sind, darf auch die Schlitzohrenwirtschaft ein bisschen vom Tourismus profitieren, solange sie ihre Dienstleistung freundlich erbringt. Echte Traveller schauen auf Leute mit unserer Denkweise natuerlich herab. Aber was soll man von Menschen erwarten, die mehrere Hundert Mal so reich sind wie die Einwohner der von ihnen bereisten Laender, und die dort dann noch jeden Paisa umdrehen?
    Der Erfolg unserer Ermuedungsnaivitaet liess uns nach einem weiteren Erlebnis folgende Richtschnur knuepfen:
    Wenn einen ein liebenswuerdiger, gut Englisch sprechender Fremder anspricht, kann man sich ruhig auf ein Gespraech einlassen. Er darf einen auch getrost durch die halbe Stadt auf einen “alten Markt” fuehren. Es ist in Ordnung, von dem Mann einen Tee ausgegeben zu bekommen (wenn man zu zweit ist und das ganze auf einer belebten Strasse im Freien stattfindet). Will er dann in ein dunkles Gebaeude in einer verlotterten Gasse locken, darf man guten Gewissens ablehnen. Man muss dann aber mit der Gewissheit leben, nie zu erfahren, was einen dort erwartet haette…
    Erleichtert beguckten wir unsere Einkaeufe im oasengleichen Anokhi Garden. Ausser Yoga-Aficionados trafen wir dort einen Belgier, der schon ueber 60 Mal in Indien war (’Did you com to India to enjoie or to soffeur?’).

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    Stille Nacht, heilige Kuh

    Es gibt hier viele Menschen, die mit schlimmen Traumata belastet sind, boese Entstellungen im Gesicht oder am ganzen Koerper herumtragen oder einfach nur vom Schicksal gebeutelt wurden. Dass ich mein Leben lang in erstaunte Gesichter schauen muss, wenn ich meinen indischen Migrationshintergrund verrate, gehoert also gewiss zu den Schicksalsschlaegen, die man unter Stelldichnichtsoan verbuchen darf. Auch der Inder wundert sich ueber den unindischen Halbinder. Wenn’s richtig gut laeuft, schaut er mir laengere Zeit ins Gesicht und sagt ‘Yes, your eyes look indian’. Und nach einer weiteren Pause: ‘But the eyes only.’ Irgendwann habe ich einmal einen Halbinder kennengelernt, der indischer aussah als ganz Rajasthan, un der hiess: Thomas Mann.
    Auf der Busfahrt von Bangalore nach Mysore haben wir dann doch viele der erwarteten Wiederkaeuer erblicken duerfen, wenn sie in dem kleinen Sichtfenster erschienen, dass zwischen dem auf, neben und unter uns gestapelten Gepaeck noch uebrig geblieben war.

    Wir haben uns schliesslich am Abend (dem heiligen) mit einem Dinner im Park Lane Hotel belohnt, was mich zu der Bemerkung veranlasst, dass es sich sowieso schon allein wegen des Essens lohnt, nach Indien zu fahren. Selbst mittelmaessige, fuer hiesige Verhaeltnisse ueberteuerte Laeden wie dieser bieten immer noch sehr leckere und spottbillige Kost. Dagegen gibt es einfache Lokale wie das Indian Coffee House, die einem fuer Centbetraege grosse Kunst servieren.
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    Ob es hier ums Essen geht? Man weiss es nicht.

    Das Besondere am ‘Park Lane’ ist, dass man auf einer riesigen ueberdachten Terasse sitzt und gemeinsam mit den anderen westlichen und inländischen Touristen von einer klassischen indischen Musikcombo ( Sitar und Tablas) stilecht beschallt wird.
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    Die Musik klang dunkel und verwackelt

    Den Kellner ruft man durch einen Ruck an der Strippe, die vor der Nase jedes Gastes baumelt wie die Sauerstoffmasken in absturzgeweihten Flugzeugen. Dann leuchtet eine rote Gluehbirne ueber dem Gast auf, und einer der drei Dutzend Kellner stuerzt herbei.

    Am Nachbartisch beendete eine deutsche Touristin ihr Handygespraech mit den Worten: ‘Jetzt muss ich mal Schluss machen, mein Suesser wartet schon seit einer Stunde darauf, dass ich aufhoere, zu telefonieren.’ Dabei blickte sie auf den jungen Inder gegenueber, dem sie, kaum hatte sie aufgelegt, offenbarte, sie wuerde sich nun umziehen und bald wieder zurueck sein. Dem kann man sich nur ansschliessen.

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    Ja, Nein, Vielleicht, Weiss Nicht

    Bangalore
    Alles geordnet, die Leute vielleicht ein bisschen ruppig, aber diszipliniert. Der Boden blitzt, die Sicherheitskontrollen werden mit wenigen Worten in kurzer Zeit erledigt, und man hat den Flughafen verlassen, ehe man ‘Om’ sagen kann. Das Land dieser effizienten Fluggastverarbeitung heisst, man ahnt es schon, nicht Deutschland, sondern Indien. Allerdings eine etwas andere Version des Landes als die mir bislang bekannte. Es ist uns gelungen, 24 Stunden in Indien zu verbringen, ohne eine einzige Kuh zu Gesicht zu bekommen. Stattdessen habe ich eine anatomische Theorie entwickelt: Die Evolution hat den Indern anstelle des vierten Halswirbels ein Kugelgelenk beschert, auf dem der Kopf winzige Pendelbewegungen ausfuehren kann, deren genaue Bedeutung ja, nein, vielleicht oder ‘weiss nicht’ lautet. Geschmiert wird das Gelenk mit dem Oelgemisch, das von Autorikschas (in Suedostasien Tuk-Tuk genannt), ausgepustet und mit der Atemluft dem Organismus zugefuehrt wird. Bei Non Resident Indians (NRI, Auslansdsinder) versteift sich das Gelenk nach einiger Zeit aufgrund fehlenden Schmiermittels zu einer lokal begrenzten Mini-Bechterew, und sie verlernen das Wackeln. Daher ruehrt wahrscheinlich der etwas zweifelhafte Ruf, den sie bei den Daheimgebliebenen geniessen.
    Mittels der Rikschas kann man schnell und unterhaltsam die Staedte durchpfluegen und in Erfahrung bringen, wie es sich auf den Verkehr auswirkt, wenn seine Teilnehmer glauben, dass sie nach einem Unfalltod umgehend wiedergeboren wuerden wie amoklaufgefaehrdete Counterstrike-Spieler. Zur Beruhigung der Fahrgaeste ist am Armaturenbrett dieser Kabinenroller immer auch die Blutgruppe des Fahrers vermerkt.
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    Unser Gasthaus verfuegt ueber ein von Laerm und Geruch unbehelligtes Cafe im Freien. Hier finden sich westliche Individualtouristen ein und strahlen die spezifisch schlechte Laune aus, die Individualtouristen ereilt, wenn sie feststellen, dass sie von ganz vielen anderen Individualtouristen umgeben sind…

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    Die Zeit vergeht im Flug

    … tatsaechlich eher langsam.
    Suvarnabhumi “Airport of Smiles” nennt sich eine monstroese Shoppingmall mit angeschlossenen Flugzeugparkplaetzen am Rande Bangkoks. Man wundert sich schon, dass es genuegend Menschen gibt, die sich Wartezeiten nur mit dem Erwerb von Gucchi-Handtaschen vertreiben koennen. Wer das nicht moechte, darf auch als Transitgast den Flughafen verlassen, muss dann aber 22 Dollar Wiedereintrittsgebuehr bezahlen. Weil wir uns das gespart haben, ahenelt unser Eindruck von Thailand in seiner abseitigen Ausschnitthaftigkeit dem, den die unfreiwilligen Insassen des Frankfurter Pendants von Deutschland haben. Beruehrung mit hiesiger Luft haben wir nur fuer eine Minute, als wir vom Bus zur Gangway laufen. Thailand, das ist dieser Erfahrung nach das Gefuehl, von einem fieberkranken Monsterhund freundlich abgeleckt zu werden.
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    Bang Bang

    Bangkok
    Herrje, so viele Menschen. Und was fuer ein Durcheinander! Und doch ein Klima heiterer Gelassenheit, sieht man vom Fatalismus derjenigen ab, die hier ueberall - ueberall - auf dem Boden kauern. Manche schlafen hier sogar! Ein vielsprachiges Gewirr, ausgeknaeuelt von Menschen, die in Kleidung, Habitus und Gestik unterschiedlicher kaum sein koennten. Schwer vorstellbar, dass man hier in gewalttaetige Tumulte ausbrechen kann, und doch konnte man davon schon in den Nachrichten lesen. Und obschon wir von rasender Technologie umgeben sind, dauert es den halben Tag, bis man eine verbindliche Information bekommt. Sinnlos, irgendetwas planen zu wollen, die Dinge aendern sich minuetlich. Der Ort dieser faszinierenden Widersprueche ist, nein, nicht Indien, sondern der Frankfurter Flughafen, wenns mal richtig geschneit hat.
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    Im Transitbereich wohnt eine Hundertschaft Gestrandeter, deren Visasituation sie in der Sicherheitszone gefangen haelt. Tag fuer Tag stolpern Touristen an ihnen vorbei. Die Zeit koennen sie sich mit den fuer die Fluggaeste kostenlos bereitliegenden Ausgaben der Financial Times oder Wirtschaftswoche vertreiben. Oder mit der Publikation “Jagd International”, in der Maenner ihre lichten oder grauen Koepfe in die Kamera halten, einen Fuss aufs grad erlegte Grosswild gestuetzt. Ich beobachte einen aelteren Osteuropaeer, der sich das Waidmannsmagazin sorgfaeltig durchsieht, den ganzen Packen greift und sachlich in den naechsten Abfalleimer steckt. Seiner Verachtung verleiht er Ausdruck, indem er die Magazine nicht zum Altpapier adelt, sondern als Restmuell deklariert. Als ich dem Mann fuer seine noble Tat applaudiere, huscht ein schuechterner Stolz ueber sein Gesicht, nur die anderen Fluggaeste, die die Szene nicht beobachtet haben, wundern sich und halten mich fortan fuer wunderlich.
    Im Gegensaz zu den mordenden Midlife-Kriselanten der Killerpostille leidet die Lufthansa unter Ladehemmung und zielt vorsichshalber nur grob auf Suedasien. Bang, Bang, Bangkok wird getroffen und nicht Bangalore. Wir aber haben das Schicksal der Transithaeftlinge vor Augen und fuegen uns nach zehnstuendiger Wartezeit, demuetig.

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    Scheck lass nach

    Da schaut uns die Dame in der Deutschen Bank an, als hätten wir nach Dampfschiff-Aktien gefragt. Gibt’s nicht mehr, den Reisescheck. Der militärisch-finanzindustrielle Komplex hat die Welt flächendeckend mit Geldautomaten bombardiert, und der Schuldschein hat den Schaden. Hoffentlich kommt morgen wenigstens die Kutsche pünktlich.
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    Verben Galore.

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    Bald hier, aber nicht von dort.

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